


Das Ultrarennen Alb-Packa nicht als Starter, sondern als Veranstalter zu erleben, war wieder sensationell. Auf der anderen Seite zu stehen – zumindest meist – nicht der Leidende, sondern der Motivator und Genießer zu sein und sich nicht nur einmal, sondern gute 100- mal freuen zu dürfen, war unbezahlbar! Beim Alb- Packa hatten die Teilnehmer ca. 500 km und 7000 hm unsupported zu meistern.
Unter Freunden
Schon am Donnerstagabend reisten die meisten an, bauten ihr Zelt auf der Wiese auf und lachten über ihre ungewöhnlichen Nachbarn: Auf der einen Seite zufriedene Alpakas, die offensichtlich unseren Standort der „Hardys Hütte“ auch ganz vorzüglich zu finden schienen und auf der anderen Seite ein charmantes Kaffeefahrrad der „Neuen Weberei“ mit seinem ebenso immer bestens gelaunten Barista Falk. Wer ein gemütliches Bett der Campingplatzidylle vorzog, der war in der Hardys Hütte herzlich willkommen.
Bei liebevoll gekochtem Essen gab es ein erstes Zusammenkommen und letzte Instruktionen, bevor sich alle in ihren Schlaf zurückzogen – bzw. es versuchten. Ich konnte zu gut mitfühlen, wie die Gedanken vermutlich kreisten und die Nervosität manchem einen Strich durch den doch so benötigten Schlaf machte.
Bella Ciao, liebe Alb-Packas
Die Sonne blinzelte schon durch die Baumkronen und deutet einen wunderbaren Tag an. Es war 6.30 Uhr am Freitagmorgen und gleich würde der Start der 2. Alb-Packa-Ausgabe stattfinden. Die Teilnehmer stellten sich aufgeregt im Hof vor Hardys Hütte auf, fummelten nervös an ihren Sachen, checkten ihr Licht und ihren Reifendruck oder zogen nochmals die Riemen ihrer Taschen am Rad fest. Ich stand mit dem Klavier auf der Terrasse und gab dem Fahrerfeld unterstützt von Trompete und Akkordeon mit Bella Ciao einen Ohrwurm mit, der sie die Tage begleiten sollte. Wir durchbrachen die Morgenstille der Schwäbischen Alb im beschaulichen Schopfloch und schickten die Fahrer mit lautem Gejohle und Anfeuerungsrufen auf ihre Reise!
Was hat der gefrühstückt?
Mit den ersten Checkpoints auf dem Roßfelsen, sowie der Unterhose in den Beinen, nahmen die Teilnehmer den Roßberg von Gönningen aus in Angriff. Ein fieser, steiler Anstieg, der einige schon ans Limit führte und sie zum Schieben zwang. Mit diesem Wissen bejubelten wir die Teilnehmer und spielten für sie erneut Bella Ciao auf der Anhöhe. Auf der Straße hatte jeder seinen Namen finden können – wie im ganz großen Radsport eben. Nach 3 Stunden voller Power unsererseits waren wir völlig platt, aber es war wunderschön, wie die Teilnehmer unseren Motivationsschub honorierten und wie man sehen konnte, dass sie sich freuten und es ihnen guttat. Wie viel Energie wir gaben, beschreibt der Ausruf eines Fahrers zu einem anderen, nachdem sie an uns vorbei waren: „Der hat heute Morgen aber auch nicht nur Haferflocken zum Frühstück gehabt.“
Es läutet zur Halbzeit
Eine eifrige Schar von Helferkindern begleitete das Alb-Packa das gesamte Wochenende. Mit Euphorie und voller Energie wurden das Orga-Team sowie die Fahrer unterstützt. Musste gerade kein Stempel in ein Kärtchen eines Fahrers gedrückt werden, dann warteten sie schon mit Glocken in der Hand und rannten johlend neben den Teilnehmern die letzten Meter zu Hardys Hütte. Klares Zeichen für uns: Es kam wieder jemand und auch wir machten uns für einen lautstarken Empfang bereit. Jeder Teilnehmer wurde beklatscht und persönlich in Empfang genommen. Es war eine Freude, in die Gesichter zu blicken, denn egal ob völlig fertig oder entspannt - auf den Moment, hier zumindest das erste Mal einzufahren, hatten sie lange hingearbeitet und sich gefreut. Materiell bekamen sie nur eine Brezel und das Wasser durfte wieder aufgefüllt werden, aber dafür gab es ganz viel Zuwendung.
Pure Emotionen
Nach 270 km kam Lucia am Samstagmorgen bei Hardys Hütte an: „Es war schön, aber ich höre hier auf!“ Den Spruch kannte ich schon, ich grinste in mich hinein und begann mich erstmal mit ihr über die vergangene Nacht zu unterhalten. Sie sei lange gefahren, es war sehr kalt und sie hatte sich letztlich für ein paar Stunden spontan ein Zimmer in Obermarchtal genommen, um der Kälte in der Nacht zu entkommen. Nach und nach kam sie über das Erlebte ins Schwärmen und bedankte sich zwischendurch immer wieder dafür, wie sehr ihr der Kontakt gerade guttun würde. Ich merkte ihr richtig an, wie sie neuen Mut schöpfte, beschloss, ihre Flaschen zu füllen und plötzlich war es gar keine Frage mehr, dass sie wieder aufbrechen und das Alb-Packa zu Ende fahren würde. Es war ihr erstes Ultraevent und ich war in dem Moment schon stolz auf sie, wie sie ihre Krise gemeistert hatte.
Frank absolvierte die erste Zacke richtig flott und kam bereits am Freitagabend zum Zwischenstopp. Er war letztes Jahr schon am Start, musste das Rennen jedoch nach 230 km beenden – wie schön, dass er sich erneut der Herausforderung stellte. Muss wohl ein schönes Event gewesen sein 🙂 Man sah ihm die 270 km an, doch ans Aufgeben dachte er keine Sekunde. Manche Fahrer sprudelten und freuten sich, uns an der Hütte anzutreffen, andere wollten sich zunächst einmal sammeln. Frank gehörte zur Kategorie zwei und meinte, er fülle erstmal seine Flaschen auf. Nachdem er sehr, sehr lange seine Flaschen auffüllte, machte ich mich mal auf den Weg, um nach ihm zu schauen und traf ihn gemütlich auf der Eckbank liegend bei einem Powernap an. Das machte er gut! In der Zwischenzeit stempelte ich seine Karte und begutachtete seine Oberrohrtasche. Wie bitter: Der Reißverschluss klemmte völlig und er war gezwungen, seine Tasche neben dem Reißverschluss aufzureißen, denn man hat nicht viel und definitiv nichts Unnötiges dabei! Er wusste sich zu helfen.
Das Gute- Laune- Doppelpacka Paul und Oli hatte sich für dieses Rennen neu erfunden. Der eine tauschte im Rahmen der Vorbereitung sein E- gegen ein flottes Gravel-Bike ein, um täglich seine 45 km ins Geschäft zu fahren und der andere trainierte zunächst fleißig auf seinem alten Drahtesel, bis dieser wenige Tage vor dem Alb-Packa den Geist aufgab und er einsah, dass er noch ins Material investieren musste. Beide hatten keinerlei Ultravorerfahrung, geschweige denn eine Ausrüstung. Es war herrlich mitzuerleben, wie die beiden in diese Welt hineingezogen wurden, dazulernten, plötzlich den Sinn hinter Pulswerten für sich entdeckten, Pläne schmiedeten und letztlich auch dieses Wochenende meisterten. Der Plan war durchzufahren und daran ließen sie auch keine Zweifel. Es war fast provokant mitanzusehen, wie locker die beiden nach der ersten Hälfte bei uns standen. Laut Paul hatte er selbst gerade eine Krise hinter sich. So eine Krise hätte ich auch gerne 🙂
Zum Glück gezwungen
Mit Micha kam ein erfahrener Ultrafahrer zur Halbzeit bei uns an. Die Nächte durchzufahren war bislang nicht so sein Ding, weshalb er meinte, dass er sich bei Laichingen nach einer Unterkunft umschauen würde. Auch voll ok. Jeder muss wissen, was für ihn das Richtige ist. Kurz nachdem er sich wieder von „Hardys Hütte“ verabschiedet hatte, meldet er sich bei uns, dass er einen fiesen Schnitt an der Flanke seines Reifens hätte und nicht wisse, ob er es auf der Strecke gefixt bekommen würde. Ich konnte mich gut in ihn hineinversetzen. Sobald etwas bei einem Ultrarennen nicht nach Plan läuft, zeigen sich ganz schnell die Müdigkeit und das geringe Nervenkostüm. Immerhin war er seit 300 km mit wenig Pause unterwegs. Er erhielt die Antwort, dass Aufhören keine Option wäre. Es war erst Freitagabend. Er konnte bis zur nächsten Ortschaft wandern, sich ein Zimmer nehmen oder das Rad repariert bekommen. Ich war mir sicher: Wenn einer ein technisches Problem lösen konnte, dann Micha als Fahrradfachmann! Dass er das in diesem Moment nicht so deutlich sehen konnte, war mir bewusst. Da herrschte erstmal Frust!
„Bin bei einem Anwohner und bettle um Luft.“ Diese Nachricht las ich wenig später und freute mich! Offensichtlich hatte er seinen Reifen wieder fahrtauglich bekommen. Im Ziel erzählte er später, wie schön die Begegnung war und mit welcher Hingabe der freundliche Herr sich seinem Problem angenommen habe. Win-win!
In der ganzen Aufregung hatte er seinen Plan mit Laichingen völlig vergessen. Er meldete sich erneut und fragte, ob er denn überhaupt noch auf der Route sei, er habe Laichingen irgendwie verpasst. Ich grinste, beruhigte ihn, dass alles wunderbar aussehen würde und freute mich für ihn, dass er wohl oder übel jetzt die Nacht durchfahren musste. In diesem schönen, jedoch abgelegenen Abschnitt im Lonetal würde er so spät kein Bett mehr finden. Wenn er das durchziehen würde, gäbe das eine richtig flotte Zeit!
Nicht nur Teilnehmer kämpften mit der Nacht
Freitagnacht kamen die Teilnehmer hauptsächlich vom Brezel-Zacka zurück und Samstagnacht nach dem Maultaschen-Zacka ins Ziel. Jeder wurde voller Begeisterung empfangen und es wurde sich um das Wohl eines jeden Einzelnen gekümmert – egal zu welcher Uhrzeit! Als Organisator bedeutete das, auch morgens um 4 Uhr die Teilnehmer im Blick zu haben, sie an der Hütte zu empfangen und telefonisch erreichbar zu sein. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass mir eine Nacht durchzufahren leichter fällt. Meine „Schicht“ begann um 3 Uhr nachts. Ich wurde informiert, dass gleich noch zwei kommen würden. Sie hätten nur noch gute 10 km vor sich. Ich machte es mir am Feuer bequem und rief „followmychallenge“ auf.
Dank bester Unterhaltung durch unsere Teilnehmer - auch ohne ihre Anwesenheit -meisterten wir die Nachtschichten am Lagerfeuer ebenso erfolgreich wie die Radler unterwegs. Und zu den beiden Radlern die „nur“ noch 10km vor sich hatten: Es hat noch gute 1h 30 min gedauert, bis sie mein Lagerfeuer erreichten 🙂
Zieleinfahrt
Neben den aufgezählten Alb-Packas und Doppel-Packas waren es vom schnellsten Jan bis zur abenteuerlustigen Postbotin Birgit, die sich für die Strecke am meisten Zeit ließ, viele weitere wunderbare Menschen mit tollen Erlebnissen, deren Zieleinfahrt wir feiern durften. Dieser Stolz, die Emotionen, die Müdigkeit und auch der Respekt und die Wertschätzung, die Teilnehmer sowie Organisatoren füreinander aufbrachten, machten das Wochenende zu einem besonderen.
Mit dem Abschließen der „Maultaschen-Zacka“ war die Ziellinie des Alb- Packas erreicht. Bei warmen Maultaschen in der Brühe erzählten die Teilnehmer umgehend überschwänglich von den Erlebnissen ihrer Tour. Geno ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben, denn er brachte es so schön auf den Punkt: „Und wenn ich mal Pause gemacht habe, dann hat es nie lange gedauert, bis ein Fahrrad kam. Dann musste man nur auf die Socken schauen und freute sich sofort – ah auch ein Alpaka!“
Durchgezogen!
Im letzten Jahr bot mir Konrad die Szene des Alb-Packas: Ein gestandener Mann, der das Alb-Packa unter Tränen voller Stolz nach 353 km abbrach und sich trotzdem für diese wunderbare Erfahrung feierte und bei uns bedankte. Er sei noch nie so weit in seinem Leben gefahren! Konrad war dieses Jahr wieder am Start. Er hatte sich ein kurzes Schläfchen vor dem Großen Lautertal gegönnt und war den Rest am Stück durchgefahren. Was für eine Leistung. Mit ihm habe ich mich besonders gefreut.
Wer zuletzt feiert, feiert am lautesten
Wie sehr man in 4 Tagen zusammenwachsen kann, zeigte sich bei Linsen mit Spätzle. Man saß auf Bierbänken auf der Terrasse, unter Pavillons oder direkt neben dem Alpaka-Gehege. Bei erneut schönstem Wetter waren nahezu alle Starter wieder dabei! Egal ob schon in der Nacht von Freitag auf Samstag oder erst vor wenigen Stunden gefinisht, die Teilnehmer machten sich am Sonntagnachmittag noch einmal zu unserer abschließenden Spätzleparty auf den Weg zu uns. Wie schön! Was für eine Wertschätzung auch für uns!
Es wurde jeder bei seiner Zielankunft gefeiert, aber man kann sich vorstellen, was los war, wenn man erst während der Spätzleparty und dennoch innerhalb des Zeitlimits einfuhr. 120 Begeisterte sorgten mit Applaus und Zurufen für unvergessliche Gänsehautmomente!
Es war ein wunderbares Wochenende. Das Alb- Packa ist ein Volltreffer – völlig unabhängig der Perspektive.
Grüße Ben












