


Mein Körper schreit nach Wasser und in meinem Kopf tobt ein Kampf zwischen der emotionalen Seite, die nur noch anhalten möchte und der sachlichen, die weiß, dass eine längere Pause in dieser Situation mich nur in noch größere Probleme bringen wird. Ich nehme den Kompromiss und setze mich bei 40 Grad in einen kleinen Schattenfleck, angelehnt an einen Stein am Wegrand und schnaufe nach 210 Kilometern kurz durch. Die Beine liegen schlaff im Sand, das Kinn liegt müde auf der Brust und ich versuche verzweifelt aus meinem Trinkrucksack die letzten Tropfen herauszusaugen. Ich zähle mehrmals von Zehn herunter, schaffe es beim 4. Mal mich wieder aufzuraffen und sage mir: Auf geht’s Ben! 15 Kilometer noch bis zur nächsten Versorgungsmöglichkeit!
Diese Szene ereignete sich am Spätnachmittag des ersten Tages nach 215 Kilometer in der Gorafe Wüste. Die Sonne brannte auf die verlassene Wüste herab und brachte das Fahrerfeld an sein Limit. Ich hatte 45 Kilometer zuvor alle Wasservorräte aufgefüllt, doch die 3,5 Liter Flüssigkeit reichten bei Weitem nicht für die 60 Kilometer bis in die Ortschaft Gor.
Um nach Gor zu gelangen wird man zunächst durch ein wunderschönes Flussbett geführt, das links und rechts von ockerfarbenen Felswänden gesäumt wird. Aus dem Flusstal hinaus führt ein 6 Kilometer langer Anstieg auf festem Sand und Dreck, bevor man herrlich auf einem Grad entlangfährt, von welchem man einmalige Felsformationen von oben betrachten kann – das war die Beschreibung für das Auge. Der Körper hingegen spürt auf diesem Abschnitt die brennenden Sonnenstrahlen auf der Haut, nimmt die stehenden 40 Grad wahr und vermisst sehnlichst eine Prise Wind. Aufgrund der schwindenden Wasservorräte ist er am Verdorren und schaltet in den Überlebensmodus.
Oase in der Wüste
Mit letzten Kräften fuhr ich bis nach Gor und steuerte direkt auf den kleinen Supermarkt zu. Nach 2 Litern Wasser, drei Dosen Cola, zwei Bananen und einem Joghurtdrink kam langsam wieder Leben in meinen Körper. Ich saß vor dem Supermarkt und mein Körper signalisierte mir durch Gänsehaut bei 40 Grad, dass er gerade etwas aufzuarbeiten hatte. Auf dem beschriebenen Abschnitt hatte ich bewusst 40 Watt an Leistung vom Pedal genommen, da ich meinen Körper nicht völlig ans Limit führen wollte. Dass das die absolut richtige Entscheidung war, wurde mir in diesem Moment auf dem Gehsteig bewusst. Mir gegenüber saß einer der absoluten Topfavoriten Simon Nordahl aus Norwegen, der durchgezogen hatte und deshalb nun nur noch Sterne sah und sich ein Zimmer nehmen musste. Fahrer, die später in Gor eintrafen, sprachen von einer Art Leichenschau, die die völlig ermüdeten Fahrer verteilt auf den Straßen dieses Ortes darstellten.
Ich nahm mir bewusst 10 Minuten Pause und setzte dann erst meine Fahrt fort. 30 Minuten später kam mein Motor wieder in Schwung und das Grinsen zurück. Nach einem kurzen Stopp bei drei Männern in einer Laube, wo ich mir auf die Schnelle nochmals 2 Liter Wasser in den Rachen schüttete, begann die Jagd durch die Nacht. Auf Platz sieben war ich aus Gor hinausgefahren und wusste von der letzten Austragung her, dass mir der nächste Abschnitt liegen würde. Eine gut zu fahrende Gravelpiste führt einen bis zum Calar Alto auf 2150m hinauf. Bis zu diesem Gipfel tauchten mit einer Stunde Abstand in der Nacht zwei Rücklichter vor mir auf, die mir größte Freude bereiteten. Nach jeweils einem kurzen Gespräch beim Überholen setzte ich meine rasante Fahrt fort, um weitere Rücklichter in der Ferne zu erhaschen.
Glücksschuh
Man sagt gerne, dass es die größte Herausforderung ist, überhaupt an der Startlinie zu stehen. Ich flog mit großen Schmerzen im linken Fuß nach Granada und hoffte auf ein kleines Wunder. Ich hatte zwei Wochen zuvor an meiner Einstellung am Schuh etwas verstellt, da ich dachte, etwas optimieren zu können. Das Ergebnis waren jedoch fiese Schmerzen, die ich bis zum Start nicht mehr losbekam. Meine Lösung und Hoffnung bestand letztlich in einem alten Schuh, bei dem der Verschluss zwar beschädigt, aber die Gliedeinstellung mir nie Probleme bereitet hatte. Es war derselbe Schuh, den ich zwei Jahre zuvor gefahren hatte und in diesem Streckenabschnitt realisierte ich, dass es funktionierte und der Schuh es mir ermöglichen würde, die Leistung abzurufen und den Spaß zu haben, den ich mir erhofft hatte.
Perfekte Strategie
Meine Renneinteilung wurde in dieser Nacht erneut bestätigt. Nach einem zurückhaltenden Start im Vergleich zu meinen Mitstreitern konnte ich mein Tempo halten, wohingegen bis auf 2 Fahrer alle zu schnell gestartet waren.
Ein nettes Beispiel nach 10 Kilometern: Ich befand mich in einer Gruppe von ca. 8 Fahrern und einer identifizierte mich als den Zweitplatzierten von Badlands 2022. Die spürbare Reaktion, neben Anerkennung für mich war, dass sie dadurch das Gefühl hatten, richtig gut unterwegs zu sein. Ich war mir in diesem Moment sehr bewusst, dass auch sie gerade über ihrem eigentlichen Leistungsniveau fuhren und es nicht lange dauern würde, bis ich mich bei gleichbleibendem Tempo von ihnen verabschieden würde. Ein letzter Beleg für die richtige Strategie meinerseits war, dass kein Fahrer, den ich in der Folge überholte, mich im Rennen wiedersah.
Ich fuhr in der Nacht noch bis auf Platz 3 nach vorne und war froh, als sich die Sonne am Horizont wieder blicken ließ. Es waren lange 11 Stunden in der Dunkelheit gewesen. Elf Stunden ohne Aussicht und Orientierung unterwegs zu sein, nur einem kleinen Lichtkegel zu folgen und dabei nicht an Leistung nachzulassen, war mental eine Herausforderung.
Flottes Frühstück
Nach der langen Nacht sehnte ich mich nach einem Kaffee. Die erste Möglichkeit bot sich an einem Campingplatz. Ich spazierte, von Helm bis Schuh mit Staub und Sand überzogen, in das Restaurant hinein, bestellte einen Kaffee, eine Cola, 2 Croissants, ein belegtes Brötchen und einen Joghurt, schlang alles – gefühlt - auf einmal hinunter und verließ den Campingplatz keine 5 Minuten später. Ich war definitiv der Hingucker, das Highlight und vermutlich später auch die Story für den Platznachbarn und die anderen Camper bei ihrem morgendlichen Kaffee.
Danke liebe Wolke
Am Morgen folgte ich der Route am Meer entlang und nahm anschließend auf dem Weg von Nijar nach Tabernas einen Berg mit über 1000 hm in Angriff. Ein schönes Beispiel für die Routenführung der Veranstalter: Anstatt der Passstraße einfach zu folgen, fuhr man zwischendurch eine Abfahrt hinunter, um dann in einem Dorf noch schmerzhafte Rampen zwischen 12 und 20 Prozent zusätzlich durchdrücken zu müssen. Auch wenn die Routenführung maximal beschwerlich war, so hatte ich im Gegensatz zum Vortag Glück mit dem Wetter. Es hatte sich genau in der Zeit meines Anstiegs eine große Wolke an der Spitze des Berges verfangen, wodurch die heißen Sonnenstrahlen für 2 h meinen Körper verschonten.
Gegenwind kann so schön sein
Nach einer langen Abfahrt erreichte ich die Ortschaft Tabernas und war somit in der zweiten Wüste angekommen. Um 15.30 Uhr war es dort während der Siesta totenstill und einzig der Wind blies Plastiktüten durch die glühenden Straßen. Ich füllte am Brunnen meine Wasservorräte auf und es quälte mich schon die Vorstellung, in der Mittagshitze in das bevorstehende Flussbett zu fahren. Vor dem Start heftig gefürchtet, stellte sich dieser Abschnitt als deutlich angenehmer, als erwartet heraus. Der Untergrund war längst nicht so weich wie vor zwei Jahren, da es mehr Niederschlag gegeben hatte und der brütenden Hitze wirkte ein heftiger Wind entgegen. Er blies mir zwar frontal ins Gesicht, jedoch erleichterte er mir bei hochstehender Sonne die folgenden Kilometer um ein Vielfaches.
Danke für eure Unterstützung
Ein Flussbett kann auf Dauer sehr eintönig werden. Links und rechts stehen jeweils Felswände und der Sandweg mittendrin erscheint endlos. Um für Abwechslung zu sorgen, stoppte ich für eine Minute, zückte mein Handy und überflog alle Nachrichten, die ich bis zu diesem Zeitpunkt erhalten hatte. Die folgenden zwei Stunden ließ ich die Gedanken um die vielen Nachrichten kreisen, was für mich Unterhaltung und positive Energie bedeutete. Danke euch!
Klettern, als gäbe es kein Morgen
Die Abstände hatten sich inzwischen eingependelt und mein 3. Platz war mir ziemlich sicher. Das Einzige, das meiner Podiumsplatzierung noch entgegenstand, waren 5000 hm und davon 3500 hm auf den letzten 75 Kilometern. Die Dunkelheit hatte die Sonne und ihre Hitze inzwischen wieder geschluckt und ich begann zu klettern. Über steilste Betonplatten-Wege schraubte ich mich mit viel Druck auf dem Pedal in die Höhe und freute mich, dass die zurückzulegenden Kilometer auf meinem Wahoo schwanden.
Versöhnlicher Abschluss
Mir ging es nach wie vor gut. Ich hatte Kraft in den Beinen und auch mit der Müdigkeit konnte ich gut umgehen, als ich auf die letzten 5 bergabführenden Kilometer nach Capileira einbog. Dieses Ende der Route ist ein wahrer Traum! Voller Glück, Stolz und Zufriedenheit rollt man auf perfektem Asphalt Richtung Ziel. Es ist, als wollte der Veranstalter sich damit für alle herausfordernden Passagen zuvor entschuldigen. In diesen zwei Minuten ist jeder Fahrer bereit, sie zu akzeptieren und Glücksgefühle verdrängen die zurückliegenden Qualen.
Unter Applaus stoppte ich unter dem Zielbanner und wurde von allen drei Veranstaltern herzlich in den Arm geschlossen. Ein kurzer Austausch über die vergangenen 791km und 16.245 hm für die ich 44 h und 50 Minuten benötigt hatte, eine Pizza zur Frühstückszeit und dann ging es um 5:30 Uhr ins herbeigesehnte Bett.
Herausforderungen und kreative Lösungen
Der Umgang mit der Hitze war der entscheidende Faktor für ein erfolgreiches Rennen. Viele Teilnehmer konnten nichts essen, vielen ging das Wasser aus und sie unterschätzten die zusätzliche Belastung, die der Körper zu bewältigen hatte. Mein Hitzetraining war sicherlich hilfreich. Beim Rennen hatte ich noch das Gefühl, ich hätte zwei Heizlüfter zusätzlich anschalten müssen, um mich auf diese Bedingungen wirklich vorbereiten zu können. Als ich jedoch nach und nach die Wirkung der Temperaturen bei den anderen Teilnehmern wahrnahm, war ich doch zufrieden mit meiner Vorbereitung. Eine Fahrerin vergaß z.B. an einem Brunnen ihren Helm und war so von der Sonne beeinträchtigt, dass sie es erst 20 km später bemerkte.
In Sachen Ernährung geht es bei solchen Verhältnissen gar nicht mehr darum, was man zu sich nimmt, sondern nur noch, dass man etwas zu sich nehmen kann. Für mich funktionierten neben Energieriegeln vor allem Gels und abgepackte Kuchen, die ich mit viel Wasser hinunterspülte. Andere Teilnehmer waren in dieser Hinsicht kreativer. So wurden zur Kühlung und späteren Erfrischung gefrorene Calipo Eistüten zunächst in das Trikot auf den Rücken geschoben, bevor sie danach als Zuckergetränk für einen Genussmoment sorgten oder Burger von Burgerking wurden vor der Abfahrt eingepackt und konnten aufgrund der Hitze auch zwei Tage später noch warm verzehrt werden.
Erreichte ich einen Brunnen, konnte ich ohne abzusetzen ein bis zwei Liter zu mir nehmen. Ich fuhr ausnahmslos mit einem Wasserbauch von den Brunnen ab, hatte jeweils aber 10 Minuten später schon wieder großen Durst. Es war fast ein Ding der Unmöglichkeit, dem Körper die Menge an Flüssigkeit zu geben, die er benötigte.
Die wildeste Gravelchallenge Europas
Badlands hielt erneut, was es verspricht, nämlich die wildeste Gravelchallenge Europas zu sein. Neben verrückter und beeindruckender Landschaft war auch das Teilnehmerfeld wieder besonders. Alle Kontinente dieser Welt waren vertreten und allein auf den ersten 10 Plätzen befinden sich 8 Nationen. Mein Material und alle zuvor mit dem Hardys-Team getroffenen Entscheidungen bezüglich meines Setups konnten es wieder mit der Creme de la Creme des Ultra-Gravelsports aufnehmen. Danke für eure kompetente Unterstützung!
Es war ein heißes und hartes, aber unvergessliches Abenteuer, das mein Leben bereichert hat.
Euer Ben








