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BEN BERICHTET VOM DOPPELTEN KUCHENGENUSS 

Bei Dead Ends and Cake habe ich mich in diesem Jahr auf bislang unbekanntes Terrain gewagt: Ich bin in der Duo Wertung angetreten! Eine neue Herausforderung mit vielen Unbekannten: Ich kann mich ja selbst bei Rennen in schlechten Phasen nicht ausstehen, wie wird es wohl sein, wenn zwei Personen am absoluten Limit sind? Es wird jegliche Fassade fallen, so viel ist sicher! Wie wird es mir gehen, ein solches Rennen nicht von der Spitze her zu erleben und nicht ohne Rücksicht auf Verluste mein Ding durchzuziehen zu können? Genauso war ich aber auch gespannt, wie sich das Erleben unterscheidet, wenn man es teilt. Es war klar, es würde anders werden - aber genau darauf freute ich mich.

Zu meiner Teampartnerin Sandra: Die längste gefahrene Strecke ihres Lebens waren bis dato 135km. Sie besitzt seit 1,5 Jahren ein Gravelrad, fährt seit 6 Monaten regelmäßig und hat noch nie in ihrem Leben bei einem Radrennen mitgemacht – also genau die passende Teampartnerin für mich :-). Völlig klar, dass wir beide andere Voraussetzungen mitbringen würden, aber eines haben wir offensichtlich gemeinsam: Die Bereitschaft, bis an unsere Grenzen zu gehen. Bei Sandra erkenne ich es daran, dass sie zum einen eine solche Herausforderung annimmt und zum anderen mich als Teampartner wählt, obwohl sie weiß, wie ich solche Rennen bestreite. Ich erinnere nur an den letzten Blog und die aufkommenden Halluzinationen und Tagträume…

Was uns bevorstand

Die Rahmenbedingungen waren 430km, 8600hm und 5 wunderschöne Checkpoints in landschaftlich herrlich ausgewählten Sackgassen, wo man jeweils mit einem Stempel und Kuchen belohnt wurde. Start und Ziel waren in St. Gallen im Radsport-Paradies "Kutscherhaus", dem Zuhause des Organisators Dominik.

Der Start erfolgte um 6 Uhr morgens am Gallusplatz. 100 Fahrrad-Verrückte mit bunten Socken und aufgedruckten Startnummern drehten ein paar Runden um eine alte Linde, bevor sie sich nach einem Countdown in verschiedenste Himmelsrichtungen zerstreuten. In unterschiedliche Richtungen deshalb, da die Route und die Reihenfolge der Checkpoints frei wählbar waren. Einzige Vorgabe des Veranstalters war, alle Kuchen und Stempel einzusammeln, den Rest hatte jeder Teilnehmer selbst in der Hand. 

Neben der Strecke macht bei einem solchen Event immer das Gepäck den Unterschied. Luca, der im letzten Jahr hinter mir Zweiter wurde, meinte am Start lachend: „Beim Gepäck scheinst du dich durchgesetzt zu haben!“ Ich sag`s mal so: Wenn mein gesamtes Gepäck aus einer Regenjacke besteht, kann man sich denken, wie viel ich meiner Teampartnerin an zusätzlicher Kleidung zugestehe…

Checkpoint 1 - Quälerei

Bei trockenem Wetter flitzten wir also mit sehr leichtem Gepäck hinaus aus St Gallen und machten uns auf zum Checkpoint Tösstal, dem unscheinbarsten, aber steilsten von allen. Der Wind blies uns ins Gesicht und erste Regentropfen vervollständigten die Szenerie. Es war ein brutaler Kampf. Sandra hielt sich an meiner linken Trikottasche fest, mein Wattmesser zeigte mir nur Zahlen zwischen 350 und 450 Watt an und das Vorderrad verlor aufgrund der Steilheit immer wieder an Bodenhaftung. Sandra trug einen Pulsgurt, der mit meinem Fahrradcomputer verbunden war. Die Idee war, dass ich so das Tempo anpassen könnte und meine Teampartnerin nicht frühzeitig k.o. fahren würde. Ihr Puls schoss an diesem Anstieg jedoch direkt in den absoluten Spitzenbereich und es war nicht daran zu denken, dass sie auch nur ein wenig schwächer treten könnte. Wir quälten uns die 4km nach oben und freuten uns letztlich über das erste verdiente Kuchenstück. 

Am Checkpoint galt es eine spannende Entscheidung zu treffen: Den gleichen Weg zurück oder eine 15km kürzere Strecke wählen und dafür aber einen kleinen Wanderpfad und Schotterwege in Kauf nehmen? Wir entschieden uns für die kürzere Strecke, was später zu einem Glücksmoment führte. Am Walensee holte uns ein Männerduo ein, das am ersten Checkpoint noch vor uns war. Sie hatten also definitiv mehr Strecke, Zeit und Kraft investieren müssen – Punkt für uns.

Was sich jedoch im Verlauf des Rennens als die größte Herausforderung herausstellen sollte, war das Wetter. Während von Unwettern in Zermatt und weiteren Orten der Schweiz berichtet wurde, befanden wir uns inzwischen direkt in einem und wurden nahezu ausnahmslos von Bindfäden artigem Regen, Donner und Blitzen begleitet. Respekt vor meiner Teampartnerin: Es gab kein Gejammer. Wir durchschnitten den Regenvorhang und zogen durch bis Bad Ragaz, wo es an der Tankstelle ein schnelles Brötchen und einen Kaffee gab. Unter dem Tankstellendach trafen wir auf andere Teilnehmer, die zwar perfekt einpackt, doch trotzdem durchnässt waren - zweiter Punkt für uns: Bei einem solchen Wetter hilft auf Dauer keine Regenkleidung der Welt. Sie ist nur Gewicht und muss mitgeschleppt werden.

Checkpoint 2 – Kuchen vom Feinsten

Motiviert von uns und unserem schnellen Stopp, nahm das andere Team den 20km langen Anstieg ins Calfeisental mit uns in Angriff. Mit neuer Moral und gestärkt vom Brötchen verflog der Anstieg und auch der Regen war inzwischen zur Gewohnheit geworden. Angekommen am Checkpoint verspeisten wir unser Kuchenhighlight des Rennens. Jeder verleibte sich ein Viertel (!) eines köstlichen Aprikosenkuchens ein und ohne lange zu zögern, nahmen wir die Abfahrt in Angriff. Viele Mitstreiter setzten sich in das verlockende und wärmende Holzhäuschen, aber kamen dort eben auch nicht mehr los.

Checkpoint 3 – Ein Abschleppseil hilft Kräfte teilen

Über den Kunkelspass ging es nach Bonaduz, wo wir unseren 2. Stopp am Supermarkt einlegten und kurz durchschnauften, bevor wir Richtung Ilanz ins Vorderrheintal abbogen. Die Wolkendecke öffnete sich für ein paar Minuten und wir feierten das, als wären wir schon am Checkpoint. Bis dahin mussten wir jedoch noch schöne, aber anspruchsvolle Kilometer bewältigen. Die 8 km Steigung bei 13-22 Prozent verlangte nochmals alles von uns und unser Abschleppseil kam an diesem Anstieg voll zum Tragen. Vom Veranstalter abgesegnet, da es den Teamgedanken unterstützt, teilten wir damit unsere jeweilige Kraft, bevor wir die Zimtschnecke und das Tiramisu erreichten. Es war bei aller Anstrengung witzig, die Reaktionen der anderen Männer zu sehen, wenn ich trotz Anstieg mit Sandra am Seil an ihnen vorbeifuhr.

Die Hütte war wunderschön und lud zum Verweilen ein, jedoch begann man sofort zu zittern, wenn der Körper sich zu erholen begann. Der Regen hatte wieder eingesetzt und der Himmel verdunkelte sich so sehr, dass wir um 19 Uhr bereits unser Licht einschalten mussten. Wenn die Bedingungen unerträglich werden, freut man sich über Kleinigkeiten: Beim Zurückfahren Richtung Bonaduz kamen uns einige Teams entgegen, die aufgrund des Spritzwassers nebeneinander fahren mussten. Optisch verheerend, dafür in der Funktion genial, hatte ich ein Schutzblech mit selbstgebastelter Verlängerung am Hinterrad, sodass Sandra auch bei nasser Straße den Vorteil des Windschattens nutzen konnte - Punkt Nummer drei für uns. 

Team-Entscheidung

Nach 252 km waren wir wieder am selben Supermarkt in Bonaduz, jedoch unter völlig anderen Vorzeichen. Zeigte sich beim letzten Stopp gerade die Sonne, so waren wir nun eine Stunde lang bei einbrechender Dunkelheit, Dauerregen und Kälte abgefahren. Sandra saß mit einer Rettungsdecke neben der Kasse im Supermarkt und versuchte ihren Körper wieder auf Temperatur zu bringen. Die Verkäuferin machte ihr warmen Tee und bot darüber hinaus noch ihre Jacke zum Wärmen an. Wir mussten klären, ob es eine vorübergehende Krise war oder ob wir tatsächlich stoppen sollten. Letztlich gab es keine andere Möglichkeit, als ein Zimmer zu nehmen und die Fahrt erst wieder in aufgetautem Zustand fortzusetzen. An dieser Stelle wurde ein Unterschied deutlich: Während in meinem Kopf das Wort „Stopp“ nicht existiert, habe ich auch keine Verantwortung drei Kindern und einem Ehemann gegenüber. Ich konnte es verstehen, dass Sandra bei Gewitter nicht auf 2400m hochfahren wollte. Nach 252km und knapp 5000hm, der absoluten Tagesbestleistung Sandras, gab es so ein paar Stunden Schlaf in einem Hotel.

Aufruhr im Speisesaal

Im Hotel warfen sie freundlicherweise unsere Kleidung direkt in den Trockner. Da ich aber nur eine Regenjacke als Ersatzkleidung dabeihatte und gleich bezahlen wollte, um mitten in der Nacht jederzeit aufbrechen zu können, kam es zu folgender Szene:  Ich spazierte mit nur einem Handtuch bedeckt in den Speisesaal. Es sorgte für Aufsehen bei Gästen und Personal und als der Bedienung klar wurde, dass ich den Raum erst wieder verlassen würde, wenn ich bezahlt hätte, brach Hektik aus. Vermutlich hat ihr Chef noch nie so schnell den Weg zwischen Büro und Speisesaal zurückgelegt, wie an diesem Abend.

Checkpoint 4- Panorama zum Frühstück

Wie abgesprochen saßen wir um 4 Uhr wieder auf unseren Rädern und machten uns durch die Viamala Schlucht auf den Weg in Richtung Alp Nurdagn. Trockene Kleidung, kein Zittern und ein paar Stunden Schlaf ließen die Welt wieder ganz anders aussehen. Der Regen hatte aufgehört und in der Dämmerung konnten wir die Silhouetten der Bergketten um uns herum wahrnehmen. Es standen uns 25km bergauf bevor, die uns aber für die brutalen Bedingungen des Vortages entschädigten. Zwar war der Anstieg lang und anstrengend, doch Aussicht und überhaupt Weitsicht zu haben, machte alles wett. Bei Morgensonne erreichten wir den Checkpoint und bekamen warme Waffeln vom Feuer serviert. Für mich war es supernett, da zwei Mitstreiter aus Polen diesen Checkpoint führten. 

Wie im Flug durchs Rheintal

Was sind schon 110km bis zum letzten Anstieg? Die Maßstäbe verschieben sich völlig bei einem solchen Rennen und wir lachten fast über die bevorstehenden Kilometer. In Thusis gabs es noch Croissants und einen Cappuccino, bevor wir auf dem Rheindamm bis unterhalb des letzten Checkpoints Kamor flogen. 

Checkpoint 5 – am Limit

Noch 13 Kilometer Anstieg und dann haben wir es geschafft - so dachten wir beide. Wir feierten alle 500m, die wir geschafft hatten, bis 6 Kilometer vor dem Gipfel. An diesem Punkt war keinem mehr zum Feiern zu mute. Wir kämpften uns Kurve um Kurve voran, es kam zu motivierend gemeinten Ausrufen beiderseits, die Außenstehende eher als motzend und genervt wahrnehmen würden. Ich erbrachte trotz des Seils meinen gewohnten Leistungswert und war damit auch am Limit. Letztlich erreichten wir unseren fünften Kuchen. Wir dachten, wir hätten es jetzt geschafft, aber der Regen bescherte uns nochmals eine gute Stunde widerlichstes Wetter und gesteigerte Vorfreude auf eine warme Dusche.

Wir sind schon da!

Nach 33,5h erreichten wir als 4. unser Ziel, wurden vom wieder genialen Gastgeber und Organisator Dominik empfangen und herrlich mit Essen und Trinken versorgt. 

Am Morgen waren uns schon Fahrer vom Checkpoint 4 kommend begegnet und sie waren nun doch sehr verwundert, uns schon im Ziel sitzen zu sehen. Letztlich war das das Ergebnis unserer Konsequenz: Unnötige Pausen wurden weggelassen. Trotz unseres Leistungsunterschieds hatten wir das Optimale aus dem Rennen gemacht.

Wir motivierten uns gegenseitig, bündelten unsere Kräfte, meckerten uns an und schätzten uns trotzdem wert. Es war ein gelungenes Abenteuer unter extremen Bedingungen und die Kuchen schmecken nach gemeinsamer Anstrengung definitiv doppelt so gut!

In Zukunft muss ich nun allerdings aufpassen, dass ich eine wohltuende Übernachtung in einem Hotelzimmer nicht zur Gewohnheit werden lasse 🙂

Grüße Ben

Hegelstraße 7
72663 Großbettlingen
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