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BEN AUF DEM PODEST BEIM GRÖßTEN GRAVEL EVENT EUROPAS - TheTraka 2025
  • Wow, ich fahre gerade um Platz sechs bei TheTraka! 
  • Sehe ich das richtig? Da füllt doch Platz fünf gerade seine Flaschen auf – ich bin im Rennen um Platz fünf! 
  • Schiebt da jemand? Ist das etwa Platz vier vor mir?
  • Da ist noch ein Rücklicht! Bin ich jetzt etwa im Rennen um Platz drei bei TheTraka, dem größten Gravel-Event Europas? 

Das waren einige meiner Gedanken in einer famosen Nacht, in der sich für mich die Ereignisse überschlugen. Ich war im Bann meines eigenen Erlebens. Es waren unglaubliche Stunden, die ich in dieser Nacht in Katalonien auf meinem Rad erleben durfte! 

Letzte entscheidende Vorbereitungen

Bei einem Ultrarennen an der Startlinie zu stehen, bedeutet Entscheidungen und Vorbereitungen getroffen zu haben, die rennentscheidend sein werden:

Habe ich genügend zu Essen dabei? Wie hoch muss der Anteil an Riegeln, wie hoch der an Gels sein? Starte ich direkt ohne Weste, halte die kurzen Leidensmomente aus und erspare mir so einen ersten Halt nach wenigen Stunden?

Muss ich zusätzlichen Strom und Ladekabel für den Fahrradcomputer im Gepäck haben?

Kettenöl, Sonnencreme, Ersatzakku und Kleidungsstücke wurden nach Dringlichkeit in den Taschen angeordnet und Brunnen sowie markante Streckenabschnitte müssen mit Hilfe von Google Street herausgesucht und eingeprägt sein, um sich auch in müdem Zustand noch grob orientieren zu können.

Der Moment vor dem Startschuss

Um 6 Uhr standen 185 Radler mit eingeschaltetem Licht in der Dunkelheit unter dem großen Leuchtbanner „TheTraka“, alle bereit, sich in den kommenden Stunden völlig zu verausgaben. Ich stand in der ersten Reihe neben Antonio Flecha und David Miller, ohne Weste und voller Freude. Die Anspannung fiel ab, denn ich wusste in diesem Moment: Ich war vorbereitet. Es gab für mich kein besseres Set-Up als dieses Rad für dieses Rennen. Der Spaß konnte beginnen!

Unerwarteter Rennstart

Die ersten Kilometer heraus aus Girona wurde in größeren Gruppen gefahren, da die Strecke trotz zweier langer Steigungen nicht ausreichend war, das starke Feld in Einzelteile zu zerlegen. Bei Kilometer 85 ging das Rennen dann auf kuriose Weise los: Eine schmale Holzhängebrücke musste überquert werden. Die ersten Fahrer schafften es noch darüber zu fahren, aber bei den Folgenden schwankte die Brücke zunehmend, sodass es nur noch hieß: Augen zu und durch. Die Brücke schwang wild von links nach rechts und ich war inmitten einer hektischen Gruppe aus Radsportlern gefangen, die wackelig fuhren, zu Fuß stolperten oder gerade dabei waren, wieder auf die Beine zu kommen. Nach dieser nervlich herausfordernden Überquerung ging die Jagd los. 

Völlig verrücktes Tempo

Die Gruppe war zersprengt und es wurde gefahren, als wäre es ein 100 km-Rennen, da jeder wieder nach vorne kommen wollte. Der folgende Anstieg war 16 Kilometer lang und die Steigung bewegte sich zwischen 13 und 22 Prozent. Die Kuppe überquerte ich als 6., gemeinsam mit Seb Breuer und einem weiteren Fahrer. Nach einer waghalsigen Abfahrt hielten meine Begleiter bei Km 114, um ihren Wasservorrat aufzufüllen. Da meine Flaschen noch gut gefüllt waren, fuhr ich weiter und konnte so den kommenden Anstieg in Ruhe und in meinem Tempo angehen. Ich fuhr den 20 Kilometer langen Anstieg wirklich sehr zügig, doch zu meiner Verwunderung wurde ich von einigen Fahrern aufgefahren und überholt. Ich beschloss mich auf dieses Spiel nicht einzulassen und fuhr ab dem höchsten Punkt bei Km 137 mein eigenes Rennen. 

Harte Erfahrung

Mental waren die folgenden Stunden brutal für mich. Bislang hatte ich jedes meiner Ultrarennen defensiv begonnen und mich zu Beginn nie in den roten Bereich gewagt. Dieses Mal pfiff ich 6 Stunden lang durch Katalonien, als wäre das Rennen nach 7 Stunden vorbei. Ich stoppte kurz an einer Quelle, kippte mir einen Liter direkt in den Rachen, füllte in der Mittagshitze meine Wasservorräte auf und pendelte meine Leistung bei 200-210 Watt ein, um mich ein wenig von den vorangegangenen Stunden zu erholen. Ich quälte mich durch den Nachmittag und war froh über Ulrich Bartholmös, der dieses Mal nicht als Fahrer, sondern als Fotograf das Rennen begleitete und mir immer wieder etwas Aufmunterndes vom Straßenrand zurief und mir meine aktuelle Platzierung und die Zeitabstände mitteilte.

In der Ruhe liegt die Kraft

Um ca. 19 Uhr hatte ich die Hälfte der Kilometer und Dreiviertel der Höhenmeter in den Beinen. Ich war mental und körperlich völlig am Limit, was ich aber vom ersten Abend aus anderen Rennen schon kannte. Ich bewahrte Ruhe und ging davon aus, dass mein Motor spätestens mit der Dämmerung wieder auf Touren kommen würde. Ich entschied mich nach 13 h Fahrt zu einer kurzen Pause von 5 Minuten, um mir etwas Gutes zu tun. Ich füllte meine Wasservorräte erneut auf und trank in der Bar gegenüber eine kühle Cola. Ein Schokocroissant kaufte ich ebenso - doch mehr als einen Bissen bekam ich in meinem Zustand nicht hinunter. Ich war nun offensichtlich in der Phase des Rennens angekommen, in der mein Körper nur noch flüssige Nahrung in Form von Gels aufnehmen konnte.

Der zündende Funke

10 Kilometer nach meiner Pause tauchte wie aus dem nichts Guillaume Poinsot neben mir auf. Zunächst war ich geschockt, doch ich blieb auf Sichtweite an ihm dran. Als er wenig später in einem Dorf stoppte, um seine Vorräte aufzufüllen, war bei mir der Kampfgeist wieder geweckt. Plötzlich war Energie in den Beinen und ich sagte mir, dass er einiges seiner Energie auf den Schotterstraßen lassen sollte, bis er mich wieder einholen würde und schlug ein entsprechendes Tempo an. Ich wollte den 6. Platz unbedingt verteidigen.

Die Magie der Nacht

Die Nacht brach herein und die Strecke führte nun auf welligem Terrain an der Küste des Mittelmeeres entlang. Ich blickte auf malerische Buchten hinab und genoss, wie sich die Lichter der Küstenorte in den leichten Wellen des Meeres spiegelten. Beim Durchfahren der malerischen Örtchen herrschte eine laue Sommerabendstimmung und die Kneipen und Restaurants waren von ausgelassener Heiterkeit erfüllt. Einzig unpassend in dieser Szenerie waren die Teilnehmer von TheTraka, die sich von der gemütlichen Atmosphäre nicht beeindrucken ließen und sich stattdessen hellbeleuchtet einen Weg durch die flanierenden Menschen bahnten.

Mentaler Push

Poinsot hatte mich inzwischen bei Kilometer 340 wieder aufgefahren. Ich konnte ihm ansehen, dass mein Plan aufgegangen war. Er schien sich beim Versuch, mich schnell wieder einzuholen, ein wenig übernommen zu haben. Nebeneinander fuhren wir nun gute 25 Kilometer, bis plötzlich in Cadaques der fünftplatzierte Riccardo Mosconi auftauchte, der gerade seine Flaschen füllte. Er hielt sich aber nicht lange mit uns auf, sondern fuhr in einem irrwitzigen Tempo wieder davon. Ich blieb ruhig und grinste innerlich, da ich inzwischen ein gutes Gefühl hatte, was den 6. Platz anging und der fünfte Platz plötzlich in Reichweite war. Hätte Mosconi wirklich noch so viel Energie, dann hätten wir ihn gar nicht aufgefahren. 20 Km später war sein Ausflug auch schon wieder vorbei und ich platzte fast vor Aufregung! Fuhr ich gerade ernsthaft um Platz fünf bei TheTraka?

Nachdem sich Mosconi 10 Kilometer später wieder dazu entschloss, an einem auch von mir vermerkten Brunnen zu stoppen war mir klar, dass er durch war. Er war auf der Suche nach Gründen, um verschnaufen zu können! So viel Wasser konnte er gar nicht getrunken haben.

Meine Pläne gehen auf

Ich war völlig euphorisiert und merkte keine Spur von Müdigkeit. Ich spürte, dass ich mit meinem aerodynamischen Avona Callis Gravelbike, meinen G- One RS und meinen Aero-Aufliegern im nun folgenden, flachen Abschnitt richtig schnell sein würde. 

Ich legte mich in meine Auflieger, machte mich klein und trat in die Pedale. Nach 25 Minuten konnte ich keines der Lichter meiner zwei Mitstreiter mehr sehen. Ich flog über die brettflachen und festgefahrenen Schotterpisten und auch die mich umgebende Dunkelheit konnte mir nichts anhaben. Grinsend jagte ich stundenlang dem Schein der Lupine Lampe hinterher. 

Es wird noch besser…

110 km vor Schluss verflog der Rausch der Geschwindigkeit für einen kurzen Moment, denn es ging durch einen sandigen Abschnitt, auf dem es kaum bis gar nicht möglich war, zu fahren. Ich war aber schnell wieder im Flow, da völlig aus dem nichts Chris Mehlman vor mir auftauchte. Nachdem ich mich versichert hatte, dass er einfach nur müde war, ansonsten aber bei voller Gesundheit, rannte ich den Sandweg hinauf. Ein kleines psychologisches Spiel, um ihm zu zeigen, dass ich eigentlich gerade erst dabei war, anzufangen:-).

Nach meinem Sprint zu Fuß nahm ich direkt wieder Schwung auf und flog durch die inzwischen kalte Morgenluft. Mir wurde bewusst, dass die Jungs, die mich am Berg bei Kilometer 120 stehen gelassen hatten, inzwischen für ihren Einsatz bezahlten und dass ich nun am Drücker war. Zeit um Handschuhe, Windjacke oder Weste anzuziehen nahm ich mir nicht und es blieb auch bei zwei Stopps im gesamten Rennen, um Wasser aufzufüllen. 

… und noch verrückter!

Meine Moral war so hoch, dass es eigentlich unmöglich war, sie noch weiter zu steigern - doch 35 Kilometer vor dem Ziel erschien wie aus dem Nichts noch ein rotes Rücklicht. Es war Seb Breuer. Wir fuhren in der Folge nebeneinanderher und ich konnte nicht glauben, was er mir erzählte: Vor uns war nur ein Fahrer! Ich stand also schon auf dem Podest. Trotz der inzwischen 24 Stunden auf dem Fahrrad und einer Standzeit von nur 9 Minuten, war ich hellwach. Ich hatte vor lauter Spaß am Fahren und der laufend neuen, positiven Ereignisse nicht eine Sekunde damit verschwendet, mich in der Nacht mit den Trackern meiner Mitstreiter zu befassen und jetzt war ich plötzlich auf Podestkurs?!

Breuer hatte ohne Aero-Auflieger und durch seine Reifen mit mehr Profil in den Schotteranstiegen und Abfahrten der ersten Rennhälfte Vorteile gegenüber mir. In der zweiten Hälfte, auf den flachen Schotterpisten, wurde aber genau jener Vorteil 

zum Nachteil gegenüber meinem Set-Up.

Zieleinfahrt

Wir bogen gemeinsam ins Zielgelände ein und ich musste mich nach 560 km, 10.000 hm, 25 h und 4 Minuten letztlich knapp im Sprint geschlagen geben. Ich fuhr zeitgleich mit dem Zweitplatzierten als Dritter beim größten Gravel-Event Europas ins Ziel! Völlig verrückt. Ich hatte mein erhofftes Ziel bei weitem übertroffen! 

Was für ein Rennen, was für eine Nacht.

Ich war und bin unglaublich stolz!

Gruß Ben

Hegelstraße 7
72663 Großbettlingen
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