


Mein bisher längstes Rennen
Rennen beginnen schon weit vor der Startlinie. Sie beginnen Wochen im Voraus, allerdings für Außenstehende und - im besten Fall - für einen selbst noch unspektakulär. Das Unknown Race gehörte für mich leider zu der Art von Rennen, die einen schon wochenlang vorher beanspruchen. Weit vor dem Start des Ultrarennens hatte mein Wettkampf begonnen. Er war aufreibend, aber nicht deutlich genug, um das Offensichtliche zu erkennen. Zu stark waren Vorfreude und Hoffnung. Und so musste ich nach 250 km einsehen, dass überraschenderweise für mich doch die gleichen Gesetze gelten, wie für alle anderen Menschen dieser Welt auch 🙂
Wenn Wille und Vorfreude nicht ausreichen
Dieses Mal hatte mein Rennen zwei Monate vorher begonnen: Mit einer starken Erkältung, mit Müdigkeit und mit Trainingseinheiten, die nicht stattfanden. Mit Tagen, an denen der Körper einfach nicht mitspielen wollte und ich trotzdem so tat, als liefe alles nach Plan.
Rückblickend sehe ich, dass ich im Februar nichts trainiert habe und mich im März dann verzweifelt an jeden Strohhalm klammerte, der sich mir bot. An Tagen, an denen die Nase scheinbar weniger lief, attestierte ich mir Gesundheit; an Tagen, an denen ich offensichtlich nicht bei 100 Prozent Leistungsfähigkeit war, ging ich trotzdem arbeiten, da ich sonst nicht mit gutem Gewissen hätte aufs Rad steigen können. Das strapazierte meinen Körper natürlich zusätzlich, anstatt ihm die nötige Erholung zu geben. Die Erkältung ging nie ganz weg, kam zurück - und blieb. Trotzdem reiste ich letztlich nach Reus, mit einer Nase, aus der mehr rauskam als Luft rein, aber im Gepäck jede Menge Hoffnung. Ich redete mir ein, dass ich noch zwei warme und ruhige Tage in Spanien hätte, bevor es galt, und dass das schon reichen würde. Es hatte ja schließlich immer funktioniert. Zu groß war die Vorfreude, durch Spanien zu düsen und sich auf das Spiel mit der unbekannten Route einzulassen.
Selbst am Morgen, beim mehrmaligen Naseputzen direkt vor dem Rennen, verschwendete ich keinen einzigen Gedanken daran, dass mein Vorhaben scheitern könnte; ich war schließlich schon längst mittendrin.
Ultrarennen sind mehr als reines Fahrradfahren
Ich war mitten in dieser ganz eigenen und herrlichen Welt der Planung, die solche Rennen ausmacht. Welche Überschuhe brauche ich? Welche Kleidung erfordert die Nacht? Wie viel Akku brauche ich wirklich? Wie befestige ich den Coros Dura so, dass er nicht nur funktioniert, sondern auch noch aerodynamisch perfekt sitzt? Was ist das beste Rücklicht? Wie packe ich die reflektierende Weste ein, damit ich sie im entscheidenden Moment möglichst schnell greifen kann? Wie viele Gels werden nötig sein? Langarm- oder Kurztrikot? Das sind alles Fragen, die ich liebe zu beantworten. Jede einzelne bringt mich dem Abenteuer näher und beschert mir Vorfreude. Nur eine Frage stellte ich mir nicht: Ob es überhaupt Sinn machte, so an den Start zu gehen.
Augen zu und durch
Die letzten Monate waren eigentlich ein permanentes Stolpern. Krank, halb gesund, wieder krank und immer mit dem gleichen Gedanken: Es muss doch gehen! Der Höhepunkt des Ganzen war, dass ich meinen Pulsgurt in den letzten Wochen lieber gleich wegließ. Die Zahlen hätten mir die Wahrheit gespiegelt und der Geschichte, die ich mir selbst einredete, jeglichen Wahrheitsgehalt geraubt.
Rennstart: Alles wie immer?
Nachdem ich eine Stunde vor dem Start die ersten Koordinaten erhalten hatte und meine Route zum ersten Checkpoint erstellt war, begann das Rennen wunderschön in der Morgensonne mit einem langen, autofreien Anstieg hinaus aus Reus. Ich genoss den Blick auf das Mittelmeer und blieb entspannt bei meinem Tempo. Zunächst lief alles wie gewohnt. Nachdem ich abgehängt wurde, begann ich nach ca. 3 h wieder Fahrer einzusammeln, die ein wenig zu flott gestartet waren und meine Stimmung war somit bestens. Checkpoint 1 erreichte ich bereits wieder als 7. Fahrer. Ca. 6 h nach dem Start Richtung Checkpoint 2 begann ein langsames, unaufhaltsames Zerbröseln meinerseits. Das Husten nahm zu und die Leistung der Beine ab. Nach guten 250 km war schließlich der Punkt erreicht, an dem selbst mir klar wurde, dass mein Vorhaben gescheitert und die Belastbarkeit meines Körpers erreicht war.
Demut
Die folgenden Stunden waren nicht einfach für mich. Ich habe eigentlich das Credo, kein Rennen aufzugeben. Egal, in welchem Zustand ich bei meinen vorangegangenen Rennen war, ich bin immer fertiggefahren. Dieses Mal war es kein körperlicher Schmerz, sondern ich war einfach krank. Diese Erkenntnis war hart für mich: Alles versucht zu haben und doch gescheitert zu sein. Ich musste akzeptieren, dass auch ich Grenzen habe. Dass die letzten Jahre – ohne Ausfälle, ohne Abbrüche, mit konstant starken Ergebnissen – kein Standard waren, sondern ein Geschenk, das ich irgendwann für selbstverständlich hielt.
Vernunft – lieber spät als nie
Jetzt bekommt mein Körper erst einmal die nötige Ruhe. Er soll kerngesund werden, bevor ich mich wieder auf den Sattel schwinge. Deshalb habe ich eine Entscheidung getroffen, die noch schwerer wiegt, als das Unknown abzubrechen: Das Trans Balkan Race wird ohne mich stattfinden. Dieser Beschluss schmerzt, da es mein Traum war. Aber leider kenne ich mich zu gut. Ohne diesen klaren Schnitt würde ich weitermachen. Zu früh, zu hart, zu viel – weil es Spaß macht und ich meinen eigenen Ansprüchen im Balkan wieder gerecht werden wollen würde. Entweder - oder! Halb kann ich nicht.
Die kleinen Lichtblicke
Und trotzdem –bei all dem Frust gab es diese kleinen Momente, die mir bleiben. Dinge, die nichts mit dem Ergebnis zu tun haben. Der absolute Genuss, wenn das Rad einfach funktioniert und die Kette schnurrt, während man durch die Sonne Spaniens radelt. Wenn der Coros Dura Fahrradcomputer auch im Ernstfall zuverlässig den Weg weist und nach 250 km gerade einmal 6 Prozent Akku verbraucht hat. Solange meine Stimmung noch gut war, konnte ich auch die Gegend und die Natur schätzen, in die man ansonsten mit hoher Wahrscheinlichkeit nie kommen würde. Es ist immer wieder schön, in welche Gegenden einen diese Rennen bringen.
Dankbarkeit statt Selbstverständlichkeit
Vielleicht ist das sogar die wichtigste Erkenntnis aus allem: Ich weiß jetzt, wie viel Glück ich in den letzten Jahren hatte. Es war für mich normal, starten zu können, gesund und leistungsfähig zu sein, sowie um Podestplätze zu fahren. Das weiß ich jetzt mehr denn je zu schätzen.
Ich kann es schon kaum mehr erwarten, wieder loszulegen. Auch wenn es noch lange hin ist: Die Vorfreude, mich in Lillehammer (Norwegen) - gesund - der nächsten großen Herausforderung zu stellen, ist riesig.
Wer Lust hat, etwas von meinen Abenteuern auf dem Rad zu erfahren, der kann gerne am 20.4.26 um 19 Uhr in die neue Weberei kommen. Ich freu mich auf euch!
Zur Anmeldung:
Gruß Ben






