


Ein unfassbar schönes Rennen mit Mother North liegt hinter mir: 1.100 Kilometer und 18.500 Höhenmeter durch die beeindruckende norwegische Landschaft. Und die hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Ich war völlig begeistert und bereue zum ersten Mal, einige Stunden in der Nacht gefahren zu sein. Dadurch habe ich Abschnitte der Strecke verpasst, was ich sehr schade finde.
Am Ende gewinne ich mit fünf Stunden Vorsprung. Das klingt souverän. Doch was wirklich passiert ist und wie es mir dabei ergangen ist, möchte ich im heutigen Blog erzählen.
Rennstart
Der Start erfolgte direkt unterhalb der Skisprungschanze in Lillehammer. Um 9:00 Uhr machte sich das Fahrerfeld auf den Weg ins Hinterland. Zunächst fand ich mich auf Position zehn wieder. Wie bei jedem Rennen beobachtete ich genau, was die anderen machten. Einige fuhren für mein Gefühl deutlich zu schnell. Mit Blick auf meinen Wattmesser und meine Erfahrung war mir ziemlich klar: Dieses Tempo kann niemand über 1.100 Kilometer halten. Nach etwa 50 Kilometern lag ich bereits auf Position vier und in der ersten langen Abfahrt wurde mir dann ein entscheidender Vorteil bewusst: Sobald ich mich in meinen Auflieger legte, war ich mit Abstand der aerodynamischste Fahrer im Feld. Dank der perfekten Reifenwahl – G-One R in 45 mm – konnte ich selbst bei 50 bis 65 km/h noch sicher im Auflieger bleiben. Bergauf wurde ich zunächst überholt, bergab machte ich jedoch den verlorenen Boden wieder gut. Es war immer wieder das gleiche Spiel.
Die erste Entscheidung
Bei Kilometer 80 stand die erste wichtige Entscheidung an. Stopp an der Tankstelle, Flaschen auffüllen und Zeit verlieren – oder weiter bis Kilometer 175 zum nächsten Supermarkt? Der hatte allerdings nur bis 17:00 Uhr geöffnet. Ich war überzeugt, dass ich es schaffen würde und fuhr, ohne zu zögern, an der Tankstelle vorbei.
Bei Kilometer 160 begann sich allerdings ein komisches Gefühl in meinem Magen breitzumachen. Am Supermarkt angekommen, versuchte ich, ihn mit Cola zu beruhigen, was sich als keine gute Idee herausstellte. Nach drei Schlucken kam das in den Stunden zuvor genommene Mango-Gel in einer Fontäne wieder heraus. Samuele, der später Zweiter werden sollte, fragte mich vor dem Laden: „Ben, are you okay?“ In dem Moment, in dem ich antworten wollte, musste ich mich ein zweites Mal heftig übergeben. Samuele saß kurz darauf wieder im Sattel. Ich blieb noch einen Moment sitzen, sammelte mich und zwang mich dann aber auch weiterzufahren. Wenige Kilometer später meldete sich mein Magen erneut und ich musste einen dringenden Stopp im Wald einlegen. Jetzt machte ich mir wirklich Sorgen. Trotzdem musste ich weiter meine Gels vespern, da sonst meine Energie definitiv zur Neige gegangen wäre. Genuss ist anders.
Das Rennen schon abgeschenkt
Bei Kilometer 210 hatte ich das Rennen innerlich bereits aufgegeben. Mit der Einfahrt nach Grimsdalen öffnete sich ein wunderschönes, farbintensives Tal. Gleichzeitig realisierte ich, wie viel Zeit ich verloren hatte. Samuele war mir bereits fünf Kilometer davongefahren. „Okay Ben, dir geht es gerade wirklich nicht gut. Schau einfach, dass du irgendwie ins Ziel kommst.“ Mehr war für mich zu diesem Zeitpunkt nicht drin.
In den folgenden Stunden durfte ich meinen Körper kaum aufrichten, ohne dass mein Magen sofort wieder rebellierte.“ Im besten Fall wirst du noch Zweiter.“ Das war mein neuer Plan.
Das Dynamit zündet
Ich fuhr also mein eigenes Tempo und nach ungefähr eineinhalb Stunden Kampf gegen den Wind sah ich plötzlich wieder einen Fahrer vor mir. Das musste Samuele sein! Und genau in diesem Moment realisierte ich: Auch er war offenbar sein eigenes Tempo gefahren. Und dieses Tempo war deutlich langsamer als mein Grundtempo. Die mentale Achterbahn nahm wieder Fahrt auf. Plötzlich war die Hoffnung wieder da. Ich legte mich grinsend in den Auflieger und rauschte an ihm vorbei. Die von meinem Schüler als Dynamit bezeichneten Waden kurbelten plötzlich völlig gelöst und so war es bei Kilometer 250 das letzte Mal, dass er mich zu Gesicht bekam. Doch - das Rennen war noch lange nicht entschieden.
Die erste Nacht
Die Nacht verbrachte ich auf einer Hochebene zwischen 1.300 und 1.400 Metern. Regen und Temperaturen zwischen einem und drei Grad begleiteten mich. Zum Glück sind die Nächte in Norwegen zu dieser Jahreszeit nur etwa vier Stunden lang. Getrieben von dem nur vier Kilometer entfernten Licht Samueles, das ich immer wieder in der Dunkelheit zu sehen glaubte, kämpfte ich mich durch das Dunkel der Nacht weiter.
Nach einem kurzen Frühstück in Lom wartete eine traumhafte Strecke Richtung Øvre Årdal: etwa 110 Kilometer, die sich teilweise wie im Himalaya anfühlten. Schneefelder links und rechts, Regen, Sturm und Eiseskälte begleiteten mich auf diesem Abschnitt. Ich trug bereits im Anstieg meine gesamte Kleidung. Was das für die Abfahrt bedeutete, kann man sich vorstellen. Wie schon im Vorbericht erwähnt: 1.400 Meter fühlen sich in Norwegen ungefähr wie 2.500 Meter in den Alpen an.
Verzweiflung während der Abfahrt
In der Abfahrt Richtung Årdal machte ich eine völlig neue Erfahrung: Bergauf funktionierte ich problemlos, bergab gar nicht. Meine Augen fielen ständig zu. Ich schlug mir gegen die Backe, führte Selbstgespräche, stellte mir Fragen und versuchte verzweifelt, wach zu bleiben. Immer wieder fiel ich in einen Sekundenschlaf. Bei einem erzwungenen Stopp am Straßenrand aß ich ein kleines Stück Zimtschnecke, obwohl ich überhaupt keinen Appetit hatte und zwang mich zu trinken. Plötzlich war es, als würde mein Körper wieder anspringen. Ich realisierte den Grund: In den vergangenen zwölf Stunden hatte ich gerade einmal einen halben Liter getrunken. Mein Körper war schlicht im Überlebensmodus. So ein Fehler passiert offensichtlich auch einem erfahrenen Ultrafahrer. Bei Nieselregen und ein bis drei Grad hatte ich einfach kein Verlangen zu trinken. Mein Körper sah das offensichtlich anders.
Am Limit
In Årdal machte ich einen kurzen Stopp in einer Bäckerei. Ein unfassbar netter Verkäufer versorgte mich mit Kaffee und einem salzigen Gebäck. Außerdem konnte ich auf entspannte Art und Weise nochmals eine Toilette wegen meines Magens besuchen. Ich zitterte so stark, dass der Kaffee beinahe aus der Tasse schwappte. Ich war völlig durch und ausgekühlt. Nicht wegen meiner Leistungsfähigkeit. Die war erstaunlicherweise völlig in Ordnung. Die Witterung war das Problem. Nicht umsonst erreichten nur 65 Solo-Fahrerinnen und Fahrer, sowie acht Paare von insgesamt rund 150 Teilnehmern das Ziel. Die Strecke war nicht unfahrbar, sondern das Wetter war es, was alles von einem abverlangte. Zitternd in einer warmen Bäckerei zu sitzen und zu wissen, dass man nicht zu viel Zeit verlieren darf, ist hart. Sich wenige Minuten später wieder in die Kälte zu wagen und sich auf den Sattel zu setzen, noch mehr.
Motivationsspritze
Samuele hatte denselben Supermarkt zum Frühstück genutzt und dazwischen gab es nichts zum Verpflegen. Ich beobachtete deshalb seinen Tracker sehr genau und sah, dass er mit etwa 40 Minuten Rückstand durch Årdal fuhr – ohne anzuhalten. Für mich bedeutete das: Er will den Rückstand jetzt gutmachen. Dieser Gedanke gab mir einen enormen Motivationsschub und ich fuhr die nächsten Serpentinen richtig auf Zug hinauf und hinein ins nächste Tal.
Zwei Stunden später konnte ich mein Glück kaum fassen: Sein Tracker stand still. Samuele hatte sich für 1,5 Stunden hingelegt, was für mich wie eine kleine Vorentscheidung war. Zwei Stunden würde ich niemals schlafen müssen und für einen kurzen Powernap im Notfall hatte ich nun genügend Spielraum.
Es war nicht nur Leiden
Der folgende Abschnitt von Lærdalsøyri hinauf auf den Höhenzug in Richtung Aurland war für mich der schönste des gesamten Rennens. Bergseen, Steinmännchen an den Ufern, vereinzelte Wildcamper und ansonsten einfach nichts außer der kargen und enorm eindrucksvollen Bergwelt. Es war ein Gefühl der absoluten Extreme dort oben.
Gegen 22 Uhr stürzte ich mich in die Abfahrt. In Norwegen war es noch hell, aber die Menschen schliefen bereits. Die Abfahrt hinunter zum Fjord von Flåm hatte ich somit komplett für mich. Tagsüber legen hier große Kreuzfahrtschiffe an und bringen Menschenmassen in dieses Naturparadies, nun aber lag es völlig still unter mir. Ich war so im Glück, dass ich anfangen musste zu singen. In diesem Augenblick war ich mir zudem sehr sicher, dass ich gewinnen würde, sollte nichts Unerwartetes geschehen. Doch 350 Kilometer lagen noch vor mir.
Wenn die Müdigkeit übernimmt
Ich machte mich auf Richtung Finse. Den Einstieg in das Tal konnte ich noch richtig genießen. Selbst Serpentinen mit 30 Prozent Steigung bereiteten mir Freude. An Kraft mangelte es mir in diesem Rennen nie. (Danke dafür an Tobi Hübner!) Mit der Dunkelheit änderte sich allerdings einiges.
Zunächst sah ich überall Gesichter. Hexenmasken, Wanderer, Urlauber – mein Gehirn verwandelte Büsche in die unterschiedlichsten Gestalten. Im ersten Moment fand ich das sogar lustig, weil ich wusste, dass ich halluzinierte. Doch irgendwann wurde es abstruser. Mein Kopf war überzeugt, ich befände mich auf einer riesigen Baustelle. Behelfsbrücken, Baumaschinen und Umleitungen tauchten auf. Eineinhalb Stunden lang war ich offenbar mitten in einem riesigen Bauprojekt unterwegs. Kurz vor Morgengrauen entschied ich deshalb, mich in eine Wiese zu legen.
Reset durch Rettungsdecke
Ich breitete meine Rettungsdecke aus, wickelte mich ein und schloss für 15 Minuten meine Augen. Ich vertraue der Rettungsdecke zu 100 Prozent und das zu Recht. Auf 1100 m bei Eiseskälte hat sie mir schon wieder einen wunderbaren kurzen Schlaf ermöglicht und dazu noch meine tauben Finger und Zehen wieder zum Leben erweckt. Das Beste an dieser Schlafpause: Mein Kopf machte einen Reset. Es war kurz vor 3:30 Uhr, als ich wieder die Augen öffnete und plötzlich war die Baustelle verschwunden, keine Umleitungen und auch keine Maschinen mehr zu sehen. Nur traumhafte Seen, Berge und ein wunderschöner Kiesweg, der sich durch das Tal schlängelte. So schön die Landschaft nun auch war, so kalt blieb es. Bei ungefähr einem Grad kühlte mein Körper auf der leicht bergab führenden Strecke Richtung Gol sofort wieder aus. Meine nasse Kleidung tat ihr Übriges. Zwei Stunden lang zitterte mein kompletter Körper.
Der Unterschied
Ich glaube, genau das macht bei Ultrarennen häufig den Unterschied. Mein Körper war absolut am Limit und mein Kopf schrie: „Anhalten!“ Von Spaß konnte in diesen Stunden keine Rede sein. Aber mir war klar: “Fahr weiter! Anhalten bringt dir jetzt auch nichts. Irgendwo reinsetzen macht dich nicht glücklicher.“ Der Gedanke, dass viele andere in dieser Situation ihrem Leiden irgendwann nachgeben würden, trieb mich weiter. In Gol gönnte ich mir eine kurze Pause bei Frühstück und Kaffee, bevor die letzten richtig harten Kilometer begannen.
Die letzten 150 Kilometer
Von außen sah es vermutlich so aus, als müsste ich das Rennen jetzt nur noch nach Hause bringen. Aber 150 Kilometer können verdammt lang sein. 4.000 Höhenmeter klangen zu diesem Zeitpunkt fast schon lächerlich. Nach 50 Stunden nonstop auf dem Fahrrad stand vergleichsweise noch ein dreimaliges Erklimmen des Mont Ventoux auf dem Programm. Für meinen Kopf war dieser Abschnitt der schwerste. Das Rennen war entschieden, aber die Strecke musste trotzdem gefahren werden, auch mit über 100 Kilometern Vorsprung. Meine Beine machten mir keine Sorgen. Schlimmer war es, die verbleibende Distanz nicht ständig in Stunden umzurechnen, aber natürlich tat ich genau das. Ich stellte mir vor, wie Familie und Freunde zu Hause saßen und sich fragten: „Was ist denn mit Ben los? Warum kommt er nicht mehr voran?“ Aber wer fährt zu Hause mal eben 150 Kilometer und 4.000 Höhenmeter an einem Tag? Ich glaube, das kommt ziemlich selten vor 🙂
Zieleinlauf
Auf die letzten zehn Kilometer fieberte ich stundenlang hin. Vom höchsten Punkt des letzten Berges ging es endlich nur noch hinunter Richtung Lillehammer. Ich rollte entspannt die Serpentinen hinab, überquerte die knapp einen Kilometer lange Fuß- und Fahrradbrücke und fuhr in den Stadtpark ein. Dort warteten ein unglaublich sympathischer Veranstalter, der sich selbst nie in den Mittelpunkt stellt und immer für die Teilnehmer da ist, sowie Freunde aus Deutschland auf mich. Viel schöner kann man sich eine Ankunft im Norden Europas kaum vorstellen.
Mother North war vermutlich das landschaftlich schönste Rennen, das ich je gefahren bin. Fjorde in saftigen Farben, rot-weiße Holzhäuser mit begrünten Dächern, riesige Wasserfälle, Seen mit perfekten Spiegelbildern und eine unfassbare Gastfreundschaft. Dazu Gravelstraßen, wie man sie sich nur wünschen kann: nicht zu ruppig, nicht zu tief, sondern platt gefahren und unglaublich schnell. Genau dafür sind Gravelräder gemacht.
Mother North war deshalb nicht nur für die Augen ein Traum, sondern auch fahrerisch ein unglaubliches Erlebnis. Wenn da nicht das Wetter gewesen wäre … 🙂
Das Material
Mein Rad und ich waren bei diesem Rennen einfach unschlagbar. Das ohnehin sehr aerodynamische Avona in Kombination mit dem Auflieger verschaffte mir auf den flachen Passagen und vor allem bergab einen enormen Vorteil. Die Reifen waren ebenfalls genau die richtige Wahl zwischen Sicherheit auf Schotterpassagen und Laufruhe auf geteerten Abschnitten. Das Material lief über die komplette Distanz absolut zuverlässig. Auf 1.100 Kilometern musste ich nur einmal den Akku meiner Schaltung wechseln und auch meine Brille kam erfolgreich im Ziel an. Wie im Vorbericht erwähnt, hielt der Versuch die Brille mit einem Klettverschluss zu versehen, was ich mir davon versprochen hatte. Der One-to-one-Sattel war erneut ein Traum. Ohne einen Gedanken an Sitzprobleme absolvierte ich die 57 Stunden im Sattel. Ebenso begeistert bin ich von meinem Coros Dura Fahrradcomputer. Es gab kaum Sonne und somit nur wenig Möglichkeit die Solarladefunktion zu nutzen und doch hat er für die gesamte Fahrzeit im Navigationsmodus nur 54% seines Akkus verbraucht. Bei der Kleidung war die Entscheidung, eine zweite Weste einzupacken anstatt eines wärmeren Oberteils, für die absolut harten Phasen perfekt. Einzig wärmere Handschuhe würde ich bei einer erneuten Teilnahme mitnehmen. Gefrorene Zehen sind kein Problem, funktionierende Finger sind jedoch unerlässlich. Meine Rettungsdecke musste ich zum Beispiel mit den Zähnen auspacken.
Eine perfekte Reise
Alles in allem war Mother North sensationell. Ich bin zu 100 Prozent glücklich mit dem Ausgang, dem Erlebnis und dem Abenteuer und ehrlich gesagt auch ein wenig erleichtert, dass es 2026 doch noch ein Rennen gab, das genauso verlief, wie ich es mir gewünscht hatte. Fünf Stunden Vorsprung klingen souverän, dahinter liegen jedoch 1.100 Kilometer, 18.500 Höhenmeter, ein streikender Magen, Regen, Kälte, Schlafmangel und Halluzinationen. Doch alles in allem kann ich behaupten: Das Dynamit hat gezündet.
Nächstes Ziel: Slowenien
Das nächste Rennen wird ein komplett anderes. Am 18. September stehe ich bei Istraland in Slowenien am Start. 400 Kilometer durch vergleichsweises ruppiges Gelände warten auf mich. Istraland wird deutlich kürzer, dafür schneller und intensiver als Mother North sein. Auch klimatisch dürfte sich Slowenien Mitte September deutlich von Norwegen unterscheiden.
Es war unfassbar schön zu sehen, wie viele Menschen mich während des Rennens im Live-Tracking verfolgt haben und wie viele Nachrichten mich während und nach der Fahrt erreicht haben.
Bis zum nächsten Rennen.
Gruß Ben





