


Zum Jahresabschluss eine schöne Radtour in die Stadt der Liebe, um ein Bild vom Eiffelturm mit den Olympischen Ringen zu schießen - so wars geplant. 620 Kilometer und gute 4000 hm in 20 h zu fahren - so wars geplant. Samstag früh los, Sonntag früh in Paris und um 11 Uhr mit dem Flixbus wieder zurück - so wars geplant. Dass diese Vorstellung auf sommerliche Temperaturen und laue Abende baute und mögliches Herbstwetter Ende September nicht berücksichtigte, hatte ich wohl außer Acht gelassen, weshalb sich von meinen aufgezählten Plänen nur der letzte erfüllte.
Bei Tagesanbruch startete ich in Metzingen mit meinem Gravelrad und leichtem Gepäck. Neben Werkzeug waren Riegel, Akkus für das Licht und noch ein paar Kleider für die Rückfahrt in meinen Cyclite Taschen verstaut. Durch das Neckartal lief es wie erwartet. Trocken, kein Verkehr und ein schlafendes Tübingen, das mir ein schnelles Durchqueren ohne Stopps an Ampeln oder Kreuzungen ermöglichte. Auch die ersten Tropfen im Ammertal hatte ich erwartet und schreckten mich nicht. Der Regen nahm zu, die Schuhe füllten sich und begannen vor lauter Wasser vergnügt bei jedem Tritt zu quietschen. Auch der Fahrer war noch absolut fröhlich, denn es lief wie erwartet.
Höchster Punkt gleich Tiefpunkt
Mit Erreichen des Schwarzwaldes begann mein Körper langsam auszukühlen und die Freude am Radeln erreichte am Schliffkopf auf 1016 m nach 3 h kurzzeitig ihren Tiefpunkt. Aufgrund einer Oldtimerrallye hatte ich einen Umweg fahren müssen und dieser führte mich deutlich höher hinaus als geplant. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bewusst noch keine Handschuhe an, da ich sie mir für später aufsparen wollte. Denn, sind Handschuhe einmal nass, wärmen sie nicht mehr und ich hatte schließlich noch eine ganze Nacht vor mir, in der ich mich sicher über sie freuen würde. Auf dem Schliffkopf, bei Dauerregen und 3 Grad Celsius, wich allerdings jegliches Gefühl aus den Fingern und sie waren gerade noch in der Lage die Bremshebel auf der folgenden Abfahrt zu bedienen und ihren zitternden Fahrer sicher ins Tal zu bringen.
Kaffeetasse als Handwärmer
Bei Ottenhöfen hatte das Herbstwetter zunächst Erbarmen mit mir und stellte den Regen ein. An einer Dorfbäckerei stoppte ich, um meine Finger an einer Kaffeetasse aufzuwärmen, damit ich meine Handschuhe anziehen konnte und nahm auch gleich eine Kleinigkeit zu mir.
Eine ältere Frau saß mir in der Bäckerei gegenüber und beobachtete mich fasziniert oder schockiert - ich weiß es nicht - beim ungelenken Versuch, mit zehn steifen Fingern zu essen. Der Flammkuchen fand nur mit viel Mühe in meinen Mund und Croissantbrösel markierten anschließend auf dem Boden deutlich meinen Sitzplatz. Letztlich ließ die Dame die Hälfte ihrer Vanilleschnecke liegen - ich hoffe mal, nicht wegen meines Anblicks... 🙂
Den verbröselten und nassen Sitzplatz versuchte ich beim Gehen mit einem netten Lächeln in Richtung der Verkäuferin wieder gutzumachen und freute mich von nun an auf eine angenehmere Fahrt – mit Handschuhen.
Vorahnung
Straßbourg ließ ich links liegen und radelte entlang des "Canal de la Marne Au Rhin" mit seinen malerischen Schleusen und unzähligen Hausbooten flussaufwärts. Der Wind blies mir heftig ins Gesicht und da meine Route dauerhaft in eine Himmelsrichtung führen sollte, ahnte ich bereits, was in den kommenden Stunden auf mich zukommen sollte. Die Grashalme neben der Straße und das Geäst der Bäume neigten sich mir entgegen, das Laub auf der Straße wehte in mein Vorderrad und der Wind zischte um meine Ohren: Gegenwind. Ich bekam ihn in aller Härte zu spüren und sah es auch auf meinem Fahrradcomputer überdeutlich: Er zeigte bei abfallender Straße höchstens 33 km/h an, wo ansonsten locker eine 38 oder mehr stehen würde. Mit 40 Watt mehr auf dem Pedal gegenüber meinem gewohnten Renntempo versuchte ich zunächst noch meine angepeilten 20 h Fahrtzeit einzuhalten, doch der Wind hielt dagegen. Für den Kopf war die Aussicht auf viele weitere solcher Stunden nicht allzu motivierend und die Energie meiner Beine verflog im wahrsten Sinne im Wind.
Motivationsschub
Nach 245 km stoppte ich in Dieuze zum zweiten Mal an einer Bäckerei. Bei Kaffee, Cola und einem Pain au Chocolat verspürte ich Vorfreude auf ein Cafe am Eiffelturm und schob aufkommende Zweifel an meinem Kampf gegen den Wind zur Seite. Ich hatte mir nun mal in den Kopf gesetzt, dass ich am nächsten Morgen in Paris am Eiffelturm stehen wollte und nun musste ich mich eben vom Gedanken einer gemütlichen Radtour verabschieden und mich auf die Gegebenheiten einlassen. Was macht man nicht alles für ein Erinnerungsfoto von Paris?!
Der Kampf mit meinem inneren Schweinehund
Mit zwei Quiches unter dem Gummizug meiner Taschen startete ich um 19 Uhr in die hereinbrechende Nacht. Ich hatte aufgrund des Gegenwindes „nur“ gute 300 km geschafft und wusste, dass noch einiges an Arbeit vor mir lag.
In der Nacht wurden schnell die Unterschiede zu meinen bisherigen Rennen deutlich: Anstatt ausgeruht zu sein, kam ich aus dem vollen Schulalltag. Ich hatte mich nicht des Koffeins entwöhnt, weshalb ich viele kleine Tiefs und generell mehr Müdigkeit über den Tag verspürte und die Jahreszeit brachte neben einem starken Herbstwind und Regen deutlich niedrigere Temperaturen mit sich, was meinem Körper zusätzlich Kraft entzog.
Um 23 Uhr überkam mich schon das erste Mal das hilflose Gefühl, dass ich meinen zufallenden Augen nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Sie fielen immer wieder für wenige Sekunden zu und ich musste die Reißleine ziehen. Ich stoppte, löschte das Licht am Lenker und wickelte mich am Straßenrand auf einem Streifen Wiese in meine Rettungsdecke ein. Nach 20 Minuten holte mich mein Handywecker wieder zurück in die düstere Nacht. Ich war in einer ländlichen Gegend unterwegs, in der kaum Häuser standen und um diese Uhrzeit auch keine Autos mehr fuhren. Alles, was ich sah, war der Lichtkegel vor meinem Rad, ansonsten hüllte sich meine Umgebung in dunkles Schwarz. Diese Reizarmut trug das ihre dazu bei, dass sich ein wirklicher Kampf zwischen mir und meinem inneren Schweinehund entwickelte.
Energieraubende Kälte
Mein Atem war im Licht meiner Lupine Lampe sichtbar und die zwei Paar Handschuhe, die ich trug, kamen an ihre Grenzen. Ich stemmte mich gegen die kraftraubende Kälte und schob zusätzlich zu fünf Lagen Kleidung am Oberkörper noch die Rettungsdecke zur Isolation unter mein Trikot. Ich suchte nach Ablenkung, indem ich während der Fahrt wie zuhause auf dem Sofa regelmäßig in eine Packung Erdnüsse griff, die ich in einer Hand hielt, ich versuchte zu singen und mich in Gedanken zu verstricken - aber letztlich musste ich noch zwei weitere Male anhalten, meine Rettungsdecke unter dem Trikot hervorziehen und mich darin für jeweils 10 Minuten einwickeln und die Augen schließen.
Ein Dickkopf macht’s möglich
Nach dem letzten erholsamen Schlaf auf meiner 1mm dicken Alu-Komfortmatratze konnte ich die reflektierenden Lichter am Himmel von Paris schon erkennen und das Projekt „Metzingen - Paris in 24 h“ stand vor dem Abschluss. Freude und Stolz, dass ich es bis hierher durchgezogen hatte, kamen auf und die Gewissheit, dass ich es schaffen würde, verpasste mir einen Energieschub. Über meinen Dickkopf musste ich auch schmunzeln: Was hatte ich mir die letzten Stunden angetan - nur um ein Ziel zu erreichen, das ich mir in den Kopf gesetzt hatte!
Triumphfahrt
Den Stadtrand erreichte ich noch bei Dunkelheit und es war wie ein Traum. Auf menschenleeren, ruhigen Straßen fuhr ich durch die Vororte von Paris. Auf dem Weg in das Herz der Stadt teilte ich die schönen Parks und Radwege entlang der Flüsse Marne und Seine nur mit einigen Frühsportlern, während sich der dunkle Nachthimmel über der Stadt langsam in einem rosa-bläulich angehauchtes Morgenrot verfärbte. Neben wenigen Autos traf ich auf Arbeiter, die die Stadt auf ihren alltäglichen Trubel vorbereiteten, während ich wie auf einer Museumstour durch Paris radelte und unter anderem die Notre-Dame Kathedrale und den Louvre passierte. Der Eiffelturm war das große Ziel, das ich schließlich nach 629 km, 5372 hm und einer Fahrtzeit von 23 Stunden und 16 Minuten erreichte. Zunächst ein wenig enttäuscht, da ich mich auf die - nicht mehr vorhandenen - Olympischen Ringe am Wahrzeichen gefreut hatte, schließlich aber sehr glücklich, den Eiffelturm in dieser Zeit erreicht zu haben und dem häufigen Wunsch, umzudrehen oder abzubrechen standgehalten zu haben.
Ein Cafe nahe dem Eiffelturm war schnell gefunden und noch nie schmeckte ein Cafe au lait am Morgen so gut wie in diesem Moment. Nach der Plünderung einer Bäckerei setzte ich mich mit feinsten französischen Backwaren in den warmen Flixbus. Verrückt, wie angenehm eine 8- stündige Busfahrt sein kann!
Der Saisonabschluss verlief anders als erwartet und doch war es wieder ein eindrucksvolles Erlebnis und ich freue mich schon auf die kommenden Herausforderungen. Einige Pläne stehen schon und als Vorbereitung dafür waren die Bedingungen auf dieser Tour nicht unpassend. Dazu mehr in den folgenden Blogs.
Au revoir
Ben




