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Das TransBalkanRace - ein einmaliges Erlebnis! | Ben Koch

Meinen letzten Blog schloss ich mit den Gedanken, wie es wohl sein würde, wenn ich in Kotor sitzen und das Rennen revuepassieren lassen würde. - Welche Gefühle, welchen Stolz und welch großen Schatz an Erfahrungen ich jedoch aus diesem einwöchigen Abenteuer mitnehmen würde, konnte ich mir vor ein paar Wochen noch nicht ausmalen. Ich strahle selbst jetzt noch und bekomme Gänsehaut, wenn ich an das Erlebte und Erreichte zurückdenke. Es war ein prägendes Abenteuer auf so vielen verschiedenen Ebenen, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Im heutigen Blog möchte ich noch einmal in diese besonderen Tage eintauchen und euch auf Teil 1 (m)einer einmaligen Reise durch den Balkan mitnehmen.

Nur 44 Starter erreichten das Ziel

Am Abend vor dem Start erlebte ich erstmals die Gravel- und Ultraszene. Der Platz in Sezana vor der Anmeldung war gesäumt von Fahrradunikaten, bei denen keines im Aufbau und Gepäck dem anderen glich und von Liegestühlen, in welchen sich die Fahrer in der slowenischen Abendsonne entspannten.

Meinen ersten Austausch hatte ich mit zwei Holländern deren erklärtes Ziel es war, in Kotor noch selbst in der Lage zu sein, ein Bier zu trinken. Diese Aussage zeigt sehr gut, wie sich die meisten der Starter der Szene geben - möglichst lässig. Es herrschte eine herrlich angenehme und sympathische Stimmung, in der jeder bemüht war, sich und sein Rad bestmöglich zu präsentieren. Dass die 200 m vom Parkplatz zur Infoveranstaltung nahezu ausnahmslos mit dem Rad zurückgelegt wurden, war ja klar.

Die Nacht verbrachte ich in meinem Bus auf eben jenem Platz, wo sich ein weiterer Teilnehmer mit seinem Camper zu mir gesellte. Tobi öffnete seine Schiebetüre, sah mein Rad und fragte sofort: „Du bist auch zum Racen hier, oder?“ Im Nachhinein verstehe ich, weshalb nur 44 Starter das Ziel erreichten. Ein Rennen wie das TransBalkanRace ist nicht zu vergleichen mit einem Straßenrennen. Die große Herausforderung bzw. der Gegner liegt nicht in den Mitstreitern, sondern im Rennen und seinen Gegebenheiten, sowie im Kampf mit seinen eigenen Grenzen.

Man kann sich noch so entspannt und nicht kompetitiv geben, aber die Aufgabe, 1350 km bei schwersten Bedingungen zu bewältigen, bleibt - und das hatten offensichtlich einige unterschätzt.

Schotterwege voller Glückshormone

Mit einem vorfreudigen Kribbeln im Bauch erwachte ich in meinem Camper nur 100 m von der Startlinie entfernt. Erste Sonnenstrahlen fanden ihren Weg auf mein Bett und ich genoss die Ruhe, sowie die Frische der Morgenluft, die über dem Startbereich lag. Nach dem Startschuss herrschte auf den ersten Metern des Rennens eine ausgelassene Stimmung zwischen uns Radlern. Es wurde gewitzelt, dass man mit einer knappen Sprintentscheidung im Finale rechne und man konnte die Freude eines jeden einzelnen Starters spüren, dass das Abenteuer nun endlich begann.

Nach wenigen Kilometern machte der erste Anstieg deutlich, auf was wir uns eingelassen hatten: Die slowenischen Schotterwege begrüßten uns mit bis zu 20 Prozent Steigung und die Sonne des Balkans ließ uns ihre Wucht spüren. Der Schweiß drang aus allen Poren und das Fahrerfeld flog auseinander. Ich fand mich nach der ersten Bergprüfung in der vorderen Gruppe wieder, welche die ersten 50 km zusammenbleiben sollte. Man stellte sich einander vor, tauschte sich aus und spürte erstmals die Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung, welche ich bislang aus Radrennen so nicht kannte. Auch wenn eine fast freundschaftliche Stimmung herrschte, bedeutete es nicht, dass man nicht Rennen fuhr. Es wurde definitiv beäugt und taktiert, aber eben auf eine angenehme Art und Weise und letztlich mit der wertschätzenden Einstellung, dass der Stärkere oder auch taktisch Geschicktere eben zurecht schneller war. Der Anteil des taktischen Geschicks ist bei einem solch langen Rennen von immenser Bedeutung. Als erfolgreichste Taktik sollte sich eine Schlafdauer von 3-4 Stunden pro Nacht herausstellen. Der lange Führende, Manuel, schlief hingegen nahezu nie und fuhr ein stetiges Tempo. Letztlich musste er allerdings seiner Strategie, obwohl er in Führung gelegen hatte, nach knapp 1000 km Tribut zollen und kam als Vierter ins Ziel. Ich selbst habe mich an Tag eins von der Freude auf dem Rad und der Landschaft mitreißen lassen und mich erst um 4 Uhr nach 330 km und 7500 hm für eine Stunde schlafen gelegt - was zu wenig war und später eindeutig auf Kosten meiner Konzentration ging. Ich würde das in der ersten Nacht bei einem solchen Rennen nicht wiederholen.

„Viel Glück Herr Koch!“

Trotz ausgiebiger Tests im Vorfeld bemerkte ich nach ca. 50 km, dass ich die Montagebox mit meinen Werkzeugen verloren hatte. Die Situation war so doof, dass ich laut lachend im Rennen ausrief: „Naja, es sind ja nur noch 1300 km. Viel Glück, Herr Koch!“ Das Glück sollte später tatsächlich auf meiner Seite sein, als ich zum einen im Vorderreifen ein Loch hatte, das aber von der extra dicken Dichtmilch von Hardys geschlossen werden konnte und zum anderen, als ich kurz nach der kroatischen Grenze einen freundlichen Rennradler traf, dem ich sein Multitool abquatschen konnte. Nun war ich zumindest wieder in der Lage die Steckachsen zu lösen und meine Laufräder auszubauen. Wirklich nervenaufreibend war das verlorengegangene Öl. Da ich an Tag 2 übermütig meinte, ein Bachbett fahrend durchqueren zu können und dabei mitsamt meinem Rad und meinen Taschen baden ging, hatte ich neben mehr Reibung in meinem Antrieb solch fiese Kettengeräusche zu bieten, dass jede Katze im Umkreis von vielen hundert Metern die Flucht ergriff. Andere Tiere des Balkans waren da leider weniger schreckhaft…

Wilde Tierwelt

Vor den Hunden Bosniens wurde vom Veranstalter ausdrücklich gewarnt. Glücklicherweise hatte ich kein Bild davon, was auf mich zukommen würde. Es sollte sich nicht um Hunde handeln, die freudig neben einem herrennen und spielen möchten, sondern es waren meist 2-3 Herdenhunde in der Größe eines Wolfes, die mit Schwung auf einen zugerast kamen und einen einzukreisen versuchten. Welche Kräfte und Energie Angst und eine ausweglose Situation in mir freisetzen können, wusste ich bis zum ersten Aufeinandertreffen nicht. Ich nenne es meinen „Urschrei“, mit dem ich mich selbst und meine Angreifer beeindruckte: Aus tiefstem Inneren und mit der Energie der Verzweiflung schrie ich die Hunde an und fuhr ohne zu zögern auf sie zu - und es wirkte! Sie hielten irritiert inne und ich hatte Zeit gewonnen, einen Stein aufzuheben, den ich werfen wollte, falls sie die Verfolgung wieder aufnehmen würden. Glücklicherweise reichte diese Geste in allen Situationen aus und der Stein musste nie geworfen werden. Allerdings waren nicht alle Teilnehmer im Umgang mit diesen kleinen Monstern so erfolgreich: Ein italienischer Mitstreiter wird die Schneidezähne in seinem Gesäß wohl nicht so schnell vergessen.

Außer wilden Hunden habe ich viele Herden von wilden Pferden durchquert und meine Helmlampe erfasste in der Nacht viele Augenpaare am Wegesrand. Ich war nicht traurig, dass ich nicht die gesamte Gestalt der Tiere erkennen konnte! Ein Tier traf ich später im Rennen bei Tag an und war unglaublich froh darum, dass es mir nachts nicht schon begegnet war: ein Bär! Im Gegensatz zu seinem Betrachter kreuzte er entspannt acht Meter vor mir von der linken Straßenseite kommend meinen Weg und verschwand auf der anderen Straßenseite wieder in den Tiefen des bosnischen Waldes. Ich war wie versteinert und froh, dass er keine Notiz von mir nahm. Mit wild schlagendem Herzen setzte ich meine Fahrt fort und hoffte inständig, dass er nicht doch noch die Bekanntschaft mit einem deutschen Radfahrer machen wollte. Noch mulmiger wurde es mir bei dem Gedanken, dass ich die Nacht nur wenige Meter vor unserem Treffen frei liegend auf meiner Isomatte verbracht hatte...

Lehrgeld und eine überraschende Konsequenz

Slowenien und seine Straßen waren mir und meinem Open zunächst sehr wohlgesonnen. Es waren meist gut befestigte Wege, auf welchen mein Rad mich wie gewohnt nach vorne peitschte und mir das Grinsen ins Gesicht trieb. Die erste Nacht verbrachte ich höchst zufrieden direkt am Straßenrand unter dem Sternenhimmel. Ohne zu überlegen, von welchen Tieren man umgeben sein könnte, blies ich die Isomatte auf und fand sofort in meinen Schlaf. Es war herrlich, zumindest einmal am Tag kurz aus der Radkleidung und den Schuhen schlüpfen zu können und mich in frischer Kleidung in den Schlafsack einzumummeln. Vom Adrenalin getrieben erwachte ich ohne Wecker nach einer Stunde und schwang mich wieder in den Sattel. Nach einem Abschnitt von 180 km ohne Möglichkeit die Nahrungs- oder Wasservorräte aufzufüllen, machte ich am Morgen einen kleinen Stopp an einem kroatischen Restaurant. Ich liebe die gesellige, offene, südländische Art, mit der ich von den frühstückenden und Kaffee trinkenden Gästen begrüßt wurde. Mein Aussehen - unter anderem noch mit der Helmlampe auf dem Kopf - sorgte für Verwunderung sowie Interesse und auch die Bedienung staunte nicht schlecht, als ich 1,5 l Wasser in einem Zug leerte. Ich füllte meinen Wasserrucksack wieder auf, packte noch eine Flasche Cola und zwei Sandwiches ein und setzte meine Fahrt unter freundlicher Verabschiedung fort. Sandwiches stellten während dem gesamten Rennen eine herrliche Abwechslung zu den drei Kilogramm Powerriegeln in meinen Taschen dar. Zum einen weiß und versteht man in jedem Land, was damit gemeint ist, sie sind schnell zubereitet und ich konnte sie unkompliziert in meinen Taschen verstauen und weiterfahren.

Dem Erreichen des ersten Checkpoints ging eine 1,5-stündige Phase der Dehydrierung voraus. 4,5 l Wasser hatten nicht für 90 Kilometer gereicht, was zum einen aussagt, welche Geschwindigkeit die Weggegebenheiten zuließen und zum anderen welche Kraft die Sonne zwischen 9 und 17 Uhr im Balkan entwickelte. Es wurden Spitzen von bis zu 45 Grad erreicht! Am Checkpoint lief ich als zweiter ein, holte mir meinen Stempel ab und die Helfer und Organisatoren kümmerten sich liebevoll um mich. Es tat gut, sich zu unterhalten, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen und auch für einen Moment innezuhalten und eine Auszeit von Rastlosigkeit und Getriebenheit zu nehmen.

Die direkte Kraftübertragung, meine sportliche Sitzposition und die Steifigkeit, für die ich mein Open so liebe, waren auf die lange Distanz, sowie für die Straßengegebenheiten - vor allem in Bosnien, aber auch in Montenegro - nicht optimal: Was bei meinen Kontrahenten die Federung übernahm, musste bei mir der Körper kompensieren.

Je tiefer ich in den Balkan eindrang, desto mehr verschlechterten sich die Gegebenheiten und die Straßen waren teilweise als solche kaum mehr zu erkennen: Grobsteinige, komplett felsige, bis hin zu nur schwer als Wege auszumachende Strecken, erforderten ein Mountainbike mit Federung. Das Rennen war als Mountainbike- und Gravelrennen bis zu einer Reifenbreite von 40 mm ausgeschrieben - jedoch wird es das in Zukunft wohl nicht mehr sein, da außer mir niemand mit einem solchen Gravelrad das Ziel erreichen sollte.

Ab Tag 3 begann mein Körper mir deutliche Signale zu senden, dass er von den Straßenverhältnissen langsam genug hatte und er die Angelegenheit nun nicht mehr allzu spaßig fand. Die Muskulatur vom Nacken hinunter bis zum Gesäß versteifte sich völlig und die unter den Ultrafahrern als „Sherpa-Neck“ bekannte Problematik nahm ihren Lauf. Ein „Sherpa-Neck“ verhindert das Aufrechthalten des Kopfes bzw. bedeutet ein gezwungenermaßen immer weiteres Absinken des Kopfes, wodurch der Sichtwinkel von Meter zu Meter abnimmt und nach ca. 400 bis 500 m das Sichtfeld auf das Vorderrad einschränkt.

Sicherlich auch aufgrund meiner Übermüdung versuchte ich zunächst, diese Problematik zu ignorieren bzw. wollte sie nicht wahrhaben, was in der Folge zu vielen Stürzen sowie unter anderem bei hoher Geschwindigkeit zu einem unsanften Kontakt mit einem Elektrozaun führte. Nachdem ich von der Mittagssonne erschlagen auf einem Höhenzug nach Knin einen Powernap eingelegt hatte, war ich zumindest wieder soweit klar, um zu realisieren, wie abnormal es war, dass ich es gerade wie selbstverständlich in Kauf genommen hatte, alle paar Meter zu stürzen. Ich begann nun auf allen Abfahrten vom Schmerz gezwungen nach 500 m anzuhalten, um meinem Nacken eine kurze Phase der Entspannung zu schenken, ohne dass ich zuvor unsanft Kontakt mit dem Boden hatte.

Auf diese Art und Weise quälte ich mich einsam durch die Hitze und durch abgelegenste Gegenden. Es war teilweise fast unwirklich, wie weit ich über schönste Hügellandschaften blicken konnte und außer meiner Schotterstraße, die sich durch unberührte Natur schlängelte, weit und breit kein Anzeichen von Menschenleben sah. Welche Kämpfe ich in dieser Einsamkeit und unter Schmerzen mit mir auszufechten hatte, werde ich genauso wenig vergessen, wie die herrlichen Sonnenauf- und untergänge, die mir die Angelegenheit zu versüßen versuchten. Neben atemberaubenden Bergwelten und Schluchten forderte die Route aber auch die Durchquerung einer Wohnsiedlung inmitten einer riesigen Müllhalde in Bosnien, die einem einen Eindruck der Lebensverhältnisse vermittelte.

Nach nicht enden wollenden Kilometern durch die Hitze der Tiefebene von Siroki, erreichte ich Checkpoint 2 in Mostar, wo ich trotz meiner unumgänglich vielen Stopps immer noch als 5. gelistet wurde. Meine Beine waren super und ich hatte bergauf, sowie bei ordentlichen Verhältnissen der Wege riesige Freude - aber bei dieser Art von Rennen sind die Beine eben nur ein Körperteil von vielen, die zu funktionieren haben.

In Mostar, nach 870 Kilometern, realisierte ich, wieviel Glück ich bislang hatte, dass mein Körper von Brüchen o.ä. und mein Fahrrad von ernsthaften Defekten verschont geblieben war und zog eine, auch für mich überraschende und doch auch beruhigende Konsequenz. Doch dazu mehr im nächsten Blog.

Bis in einem Monat zum Teil 2 meiner Balkantour, in dem ich euch auf meine wohl härtesten 500 Kilometer bis zur Bucht von Kotor mitnehmen werde, auf welchen ich meine eigenen Grenzen verschob und schönste zwischenmenschliche Erfahrungen sammeln durfte.

Gruß Ben

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