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Die Kuchen gehen an mich – Sieg bei DEAD ENDS & Cake!

Nach 450km, 9000hm und 19h34min erreiche ich das alte Kutscherhaus und der unglaubliche Veranstalter Dominik nimmt mich in Empfang. Er setzt den letzten Stempel auf meine Karte und ich realisiere: Meine Planungen sind aufgegangen und ich habe ein sehr besonderes Ultrarennen gewonnen! Damit lasse mich glücklich in den bereitgestellten Sessel sinken.

Viele Kilometer zum ersten Kuchen  

Im strömenden Regen drehte das Starterfeld unter Applaus einige Runden am Gallusplatz, bevor ein Countdown die Hatz auf die fünf Kuchen eröffnete. Schnell schossen einige Rennradler, mein Gravelrad und ich vorneweg hinaus aus der Stadt.

 Es zeichnete sich früh ab, dass ich offensichtlich eine andere Reihenfolge der Checkpoints gewählt hatte, wie die meisten anderen. Nach 2 Kilometern sah ich deshalb keine anderen Fahrer mehr und tauchte ab in den Rennmodus. In der Ebene machte ich mich möglichst klein und aerodynamisch und nahm ein wenig Druck vom Pedal, um an den Anstiegen ein paar Watt mehr zur Verfügung zu haben. Ich verpflegte mich von Anfang an, auch wenn ich keinerlei Hunger verspürte, um auch im späteren Rennverlauf auf Kraftreserven zurückgreifen zu können. Wie im Flug vergingen die hügeligen Kilometer durch das Glarnerland bis zum Anstieg zur Bischofsalp. Ich befand mich völlig im Tunnel und nahm den strömenden Regen nicht wahr. Die letzten 5 Kilometer hinauf zur in den Wolken hängenden Alp sind unfassbar steil, aber der Empfang am ersten Checkpoint war so herzlich, dass jegliche Anstrengung sofort in Vergessenheit geriet. Mir ging es blendend und nebenbei hatte ich schon die ersten 100km in den Beinen. Das Schöne an diesem Event ist, dass die Kuchen immer in Sackgassen auf einen warten. So kamen mir auf dem Weg ins Tal freudig grüßend die ersten Mitstreiter entgegen, die ebenfalls den Schokokuchen am ersten Checkpoint angepeilten. Dabei realisierte ich, dass ich auf den Zweiten, der in Richtung dieses Checkpoints aufgebrochen war, schon 45min gutgemacht hatte, was meine Euphorie steigen ließ. Kleine Anmerkung: Als er ins Ziel kam, fragte er als erstes in die Runde: „Wer ist denn dieser verrückte Ben Koch, der mir auf den ersten Kilometern so viel Zeit abgenommen hat?“ Entlang am wunderschönen Walensee begann sich nun auch die Sonne zu zeigen und unterstützt von günstigem Wind nahm ich in der Folge das Rheintal in Angriff. Meine Beine fühlten sich genial an, mein Rad verlieh mir Flügel und ich realisierte, dass mein Plan absolut aufging: Ich wollte bewusst zunächst nicht ins Rheintal fahren, da dort am Morgen der Wind meist talabwärts bläst, sondern erst gegen Mittag mit gedrehtem Wind in das Tal einbiegen, um meine Beine und vor allem auch meine Moral zu schonen.

Auf dem schnellsten Weg zur Linzer Torte

Mittlerweile saß ich seit ca. 10h im Sattel, die Sonne grillte mich und der Anstieg von Thusis durch die Viamala Schlucht zur Alp Nurdagn erschien mir endlos. Auf der Alp auf 2200m, machte sich dann auch Müdigkeit bemerkbar. Mit mir erreichte Luca im selben Moment die Alp und holte seinen 4. Stempel ab, während ich erst meinen 2. erhielt. Die Live-Rangliste sortierte nach bisher absolvierten Checkpoints und so lag ich nur auf Position 10. Die Euphorie war verschwunden. Ich versuchte mir klarzumachen, dass ich genauso viele Höhenmeter geschafft und 55 Kilometer mehr an Strecke in den Beinen hatte, doch es fühlte sich nach einer Vorentscheidung an. Die Müdigkeit trug dazu bei, dass ich meinen Schlüssen selbst nicht glauben mochte, auch wenn sie rückblickend absolut korrekt waren. Selbst der leckere Apfelstrudel konnte meine Moral nicht heben. Das war die Krise, die wohl zu jedem Ultrarennen gehört.

Von der herrlich gelegenen Alp hinunter nach Zillis, auf einer Abfahrt, wie sie schöner nicht sein könnte, sammelte ich mich wieder etwas und bereitete mich auf meine Abkürzung nach Obermutten vor. Es lag ein Schotteranstieg und Wanderweg nach Obermutten vor mir, bei dem es mein Rad 2km zu tragen galt, was mir einige Höhenmeter und ca. 20km Wegersparnis einbrachte - nicht gerade der größte Spaß, doch der schnellste Weg zur Linzer Torte. Nach einer flotten Abfahrt bis Tamins stand der Kunkelspass an: 5 Kilometer und 690hm – die reine Quälerei! Es sei generell gesagt, dass 9000hm an sich nicht völlig verrückt sind, aber die Art der Höhenmeter waren bei diesem Event brutal. Alle lagen nahezu ausnahmslos bei Steigungsprozenten über der Zehn-Prozentmarke.

Die mentale Wende

Das urig und romantisch in der Bergwelt liegende Calfeisental belohnte mich für die enorme Anstrengung und der Gedanke, dass ich doch noch Chancen auf Platz 1 hatte, machte sich allmählich in mir breit. Ich stürzte mich hinab nach Bad Ragaz und flog hochmotiviert und inzwischen bei Dunkelheit auf dem Rheindamm talabwärts.  Die zurückgelegten Kilometer schnellten auf meinem Wahoo-Fahrradcomputer plötzlich nur so nach oben. Mir wurde bewusst, dass nur noch der berüchtigte Anstieg nach Kamor vor mir lag, bevor meine Route mich bergab nach St. Gallen führen würde. Der Wind hatte sich - wie bei der Planung gehofft - zu diesem Zeitpunkt gelegt und mit ordentlichem Druck auf dem Pedal startete ich in den 13km langen Anstieg mit 1300hm. Angetrieben vom Gedanken, das Rennen ganz vorne beenden zu können, war ich plötzlich wieder in der Lage, dieselben Wattwerte, wie 300km zuvor beim ersten Anstieg des Events, aus meinem Körper herauszuholen. Ich schraubte mich in der Dunkelheit Serpentine um Serpentine nach oben und die Aussicht auf das Lichtermeer im Tal wurde immer beeindruckender. Die Beine schmerzten, aber die Euphorie trieb mich an.

Ein letzter Energieschub

Nach 9km des Anstiegs sah ich eine hellerleuchtete Hütte in der Dunkelheit scheinbar unerreichbar über mir aufleuchten und ich hoffte inständig, dass es irgendwo einen Abzweig gab und diese Hütte nicht der Checkpoint war. Natürlich aber war sie es. Bereits einen Kilometer vor der Hütte erreichten mich Anfeuerungsrufe und bei der Einfahrt zum Checkpoint sang eine Gruppe von fünf richtig gut gelaunten Mädels „We are the champions“. Ich erhielt von ihnen meinen letzten Kuchen - und den 5. Stempel auf meiner Karte - und fuhr mit diesem zusätzlichen Energieschub St. Gallen entgegen. 

Traum für Fahrradenthusiasten 

In den Zielort „Altes Kutscherhaus“ hat sich vermutlich jeder der Teilnehmer verliebt. Es ist ein Gebäude mitten in St. Gallen, ganz aus Holz und komplett der Leidenschaft Fahrrad gewidmet. In jedem Winkel sieht und spürt man Dominiks Liebe zu Abenteuer und Radsport und genau dort wurde ich von ihm morgens um 1.30 Uhr in Empfang genommen. Überglücklich durfte ich mich in seinen Sessel setzen und wurde rundum versorgt. Ein herrlicher Moment!

Die positive Energie und die Leidenschaft, die Organisator Dominik versprüht, habe ich auch an allen Checkpoints erfahren. Mit voller Power wurde man angefeuert, mit Herzlichkeit empfangen und mit besten Wünschen oder einem netten Spruch wieder auf die Reise geschickt. 

Wie durchdacht das gesamte Event ist, wird schon anhand des Startbeutels deutlich. Man erhält seine Startunterlagen nicht in einem gängigen Stoffbeutel, sondern in einem Packsack von SeaToSummit, der ausschließlich mit Gegenständen bestückt ist, die man auch wirklich verwenden wird, völlig ohne Werbebroschüren oder sonstigem Wegwerfmaterial. 

Der Plan ging auf!       

Die Luftströmungen waren wie erwartet. Auf der gesamten Strecke blies mir der Wind nur 5km entgegen und ansonsten war er mir wohlgesonnen. Die meisten Teilnehmer fuhren eine ähnliche Strecke, nahmen sie jedoch andersherum unter die Räder. Mental war deren Version geschickter, da die Checkpoints näher am Start lagen und man so schneller Rückmeldung über die Platzierung auf der Rangliste und Stempelkarte erhielt. Windtechnisch hatte sie Nachteile. 

Meine Abkürzungen von Zillis nach Obermutten würde ich wieder so wählen, auch wenn die Tragepassage mühsam war. Luftlinie waren die Checkpoints Bischofsalp und Alp Nurdagn nur 8km voneinander entfernt, jedoch glich der Weg, den zwei Teilnehmer nahmen, eher einer Tageswanderung und war letztlich deutlich langsamer. Trotz allem spricht es für das Format des Rennens, dass solche Versuche unternommen wurden. 

Alle gegen Einen

Die Fahrradwahl fiel bei diesem Rennen so aus, wie erwartet. Die Plätze in den Top 10 belegten ausschließlich Rennräder - bis auf den Platz 1 eben 😊. Meine Beine und das perfekte Fahrrad-Set-Up in Zusammenarbeit mit Hardys, hat den vermeintlich größeren Rollwiderstand wettgemacht und mir ein sorgloses und defektfreies Rennen über die Gravelpassagen beschert, was bei den Rennradlern anders aussah. Neben dem unglaublichen Rollvermögen der Schwalbe RS Reifen auf Teer war ich mit meinem Vecnum Vorbau komfortabel off-road unterwegs. Was kann mein Custom- Arc8 von Hardys eigentlich nicht? 

Neben diesem tollen Fahrrad kann ich DEAD ENDS & Cake allen, die sich gerne an einem solchen Rennformat versuchen wollen, nur wärmstens empfehlen! Es war ein sensationelles Wochenende mit dem Sieg als >Kirsche< auf dem Törtchen. 

Gruß Ben

Hegelstraße 7
72663 Großbettlingen
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