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Race Through Poland – Ein ausführlicher Rennbericht

Das RaceThroughPoland war von der An- bis zur Rückreise ein unvergessliches Erlebnis! Landschaften, Menschen, Radsport und Herausforderungen - nichts kam zu kurz. Ich nehme euch heute mit auf eine Fahrt in den Osten, zu schönen, unerwarteten und harten Erlebnissen, auf die ich ungemein stolz bin.

Der Start.
Der Start erfolgte in der Winterhauptstadt Polens, in Zakopane. Bei Sonnenaufgang schickte uns der sympathische Veranstalter Piko über 20-prozentige Straßen auf direktem Weg auf den ersten Höhenzug zu unglaublicher Sicht über die Stadt und auf schneebedecktes Gebirge. Wie erwartet wurde ich in der 1. Stunde nur überholt. Ich schaute mir meine Mitstreiter genau an und fragte mich, wann ich sie wohl wiedersehen würde. Bei den Starts solcher Rennen wird gerne zunächst deutlich zu schnell gefahren. Man kann sich dabei unglaublich stark fühlen und überziehen, während das passende Tempo ein zügiges, aber kein Renntempo wäre. Ich hatte verschiedene Gesprächspartner auf den ersten Kilometern und es stellte sich heraus, dass viele Teilnehmer schon zum wiederholten Mal bei diesem Rennen waren, was mein Gefühl für die Organisation und die Menschen dahinter bestätigte.
Der Startparcours hatte es mit vielen Höhenmetern in sich, jedoch folgte auf dem Weg zu Checkpoint 1 die Wiedergutmachung durch lange Flusstäler, in denen die Tachonadel nie unter 30 fiel. Das Rennfeeling, gute Beine und schnelles Entlangsausen an Flüssen ließ Glücksgefühle aufkommen.

Checkpoint 1- völlige Abgeschiedenheit (nahe der Ukraine).
Mit Beginn des nächsten Pflichtabschnitts traf man nun wieder auf Mitstreiter, die nach dem Start andere Routen gewählt hatten. Auf dem Weg zu Checkpoint 1 wurde durch Warnschilder auf Bären hingewiesen. Dieses Mal habe ich keine zu Gesicht bekommen, anderen ist bei der Begegnung jedoch das Herz in die Hose gerutscht. Dafür hatte ich unzählige andere Begegnungen mit wilden Tieren. Durch die Nähe zur geschlossenen ukrainischen Grenze und aufgrund der Abgeschiedenheit liegt der Checkpoint landschaftlich unberührt und beeindruckend. Ich bekam meinen ersten Stempel, gemeinsam mit der Spitze des Rennens. Am Checkpoint wurde kurz gequatscht, etwas getrunken und dann machte sich jeder auf seine eigene Route bis zum Pflichtparcours des 2. Checkpoints.

Komoot kennt (leider) immer einen Weg.
Meine Nacht begann fürchterlich. Komoot hatte mir einen Feldweg eingezeichnet, der nicht existierte. Ich trug schweißtreibend mein Fahrrad 1,5 km bei ca. 20 Prozent durch Gebüsch den Waldhang hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Meine Beine erhielten tiefe Schnittwunden und es kostete Zeit, Energie und Nerven. Im Anschluss verlief die Nacht jedoch wie gewünscht bis auf die Kuppe eines 5 km Anstiegs. Hier realisierte ich, dass ich im Anstieg länger die Augen zu, als offen hatte und beschloss zunächst 10 Minuten unter einer Rettungsgedecke zu schlafen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie herrlich kuschelig sich eine knisternde und sterrige Rettungsdecke anfühlen kann. Mit wieder geöffneten Augen ging es in die Abfahrt und in den frühen Tagesanbruch, der dort im Osten – wunderbarerweise - schon gegen 3.40 Uhr erfolgt.
Es war Sonntag und wie erwartet schwierig, eine Versorgungsmöglichkeit zu finden. Ich hatte die Slowakei durchquert und befand mich auf unbeschreiblichen Straßen in Ungarn. Matsch, bruchstückhafter Teer und Feldwege stellten meine Schwalbe Reifen vor höchste Herausforderungen und führten mich erst 5 Stunden später zu einem geöffneten kleinen Supermarkt, an dem ich reichlich Eiskaffee, Brot, Haribo und Nüsse zu mir nahm.

Schlaraffenland.
Wenn man bei einem solchen Rennen hungrig und müde in einem Laden steht, fühlt man sich wie im Schlaraffenland und lebt den Traum eines jeden Kindes: Alles, aber auch alles zu kaufen, auf das man Lust hat und niemand sagt einem, dass etwas zu teuer oder ungesund ist. Zu viel Zucker, zu viele Kalorien oder zu teuer gibt es nicht. Man nimmt, was einen glücklich macht – und davon so viel es geht. Kleine Anmerkung: Die veganen Haribos lassen sich leichter kauen - man glaubt gar nicht, was einen in einem solchen Rennen alles anstrengen kann .

Checkpoint 2 – Achterbahn (Ungarn).
Gut gestärkt und bei bester Stimmung nahm ich nach 720 km und mit 2h in Führung liegend den Parcours 2 in Angriff. Das Wetter spielte wieder mit und ich hatte Freude am Abschnitt durch die Berge Ungarns, der einer Achterbahn ähnlich war und wo uns ein unglaublich steiles Ende am Kekesteto erwartete. Neben stark aufkommenden Schmerzen im rechten Fuß, die ich versuchte zu ignorieren, musste ich eine 5-minütige Pause durch meinen einzigen Platten im Rennen hinnehmen. Ein spitzer Gegenstand hatte sich bergauf in mein Hinterrad verirrt - da kann selbst der beste Reifen nichts machen. Der folgende Abschnitt zurück in die Slowakei war nicht einfach! Da die im Tal verlaufende große Straße vom Veranstalter gesperrt wurde, musste ich meine Route über Höhenzüge und viel Schotter planen.

Kurz vor der Aufgabe.
Mit Einbruch der zweiten Nacht breiteten sich die Schmerzen vom Fuß über das gesamte rechte Bein aus und ich konnte sie nicht mehr ertragen. Das ging so weit, dass ich entschied: Ich höre auf! Ich konnte absolut keinen Druck mehr auf das Pedal geben und an Aufstehen beim Fahren war nicht zu denken. Jedoch zückte ich zunächst meine zweite Rettungsdecke und machte es mir für einen Powernap in einer Bushaltestelle gemütlich. Im Anschluss überdachte ich meine Situation und kam zum Schluss: Wenn du jetzt aufgibst, musst du sowieso noch heimradeln. Fahr also einfach weiter!
Ich verstellte das Glied der Klickschuhe und konnte so mit zusammengebissenen Zähnen und höllischen Schmerzen wieder leichten Druck ausüben. Den Großteil der Leistung musste aber von nun an mein linkes Bein übernehmen. In diesem Moment gehörte jeglicher Gedanke an eine Platzierung der Vergangenheit an. Finishen war das Ziel!
Die zweite Nacht beendete ich mit einem Stopp in einer Tankstelle, wo ich meine Vorräte wieder auffüllte, reichlich Kaffee genoss und mit einem Blick auf die Dotwatcher Karte feststellte, dass ich verrückterweise immer noch in Führung lag. Das gab mir mental wieder Auftrieb.

Checkpoint 3 – Gipfelsturm (Slowakei).
Auf den Abschnitt des 3. Parcours hatte ich mich schon sehr gefreut. Als nach wie vor Führender startete ich also bei Kilometer 1034 in Richtung Checkpoint 3. Herrlich und unglaublich steil führte die sehr schlechte Straße hinauf zum Krizava, wo ich meinen nächsten Stempel erhielt. Ich lag locker in Führung, hatte meine Schmerzen einigermaßen unter Kontrolle und trank noch einen Kaffee und eine Kofola (der dortige Cola-Ersatz) mit der netten Checkpoint-Crew, um mich dann an die Abfahrt zu machen – was letztendlich ein Fehler war.

Fehlende Erfahrung.
Ich fuhr alle Höhenmeter wieder hinunter und verbrachte die folgenden 1,5h auf einem Trail, der kaum fahrbar war. Ich trieb mich an und zwang mich, nicht aus Frust sinnlose Pausen einzulegen, zu denen man bei extremer Übermüdung gerne neigt. Wieder auf einer ordentlichen Straße angekommen, war ich von der Mittagshitze gegrillt und realisierte, dass mein Verfolger durch eine geschicktere Route über den Gipfel 1,5h gutgemacht hatte. Phillip nahm zum 3. Mal an diesem Rennen teil und hatte seine Routenplanung gemeinsam mit ebenfalls teilnehmenden Freunden abgestimmt, was sich an dieser Stelle positiv auswirkte. Über den Tag entwickelte sich ein Wettrennen mit gleichbleibendem Abstand. Ich legte zwischendurch noch einen 10-minütigen Mittagsschlaf an einer Tankstelle ein und startete mit gutem Gefühl in den Parcours von Checkpoint 4.

Checkpoint 4 – Classified macht's möglich (Polen).
Der Parcours begann mit einem Anstieg von 3 km Länge und durchschnittlich (!) 15 Prozent. Ich quälte mich im Sitzen die Straße hinauf, da die Schmerzen im rechten Bein das Aufstehen nicht erlaubten. Plötzlich ging neben mir Musik an, es brach Jubel aus und die Veranstalter kamen aus Verstecken. Piko hatte in diesem Moment eine Wette gegen Adrian verloren, da dieser sich sicher war, dass niemand es schaffen würde, den Abschnitt von weit über 20 Prozent zu fahren. Sie hatten die Rechnung allerdings ohne meine Classifiednabe gemacht, die mir kleinste Gänge ermöglicht. Ich blieb der einzige Fahrer, der diesen Abschnitt fahren konnte. Solche freundlichen und wertschätzenden Begegnungen mit den Veranstaltern und Checkpoint-Crews sind für die Moral unglaublich wichtig.

Fehleinschätzung.
Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es für mich immer schwieriger, meine Augen offen und die Konzentration hochzuhalten. Ich hatte das Rennen falsch eingeschätzt und war von zwei Nächten ausgegangen. In diesem Fall musste ich Lehrgeld bezahlen, denn ein 1500km-Rennen war ich zuvor noch nie gefahren und hatte mich deshalb nicht auf drei Nächte eingestellt. Dadurch hatte ich in den ersten beiden Nächten quasi nicht geschlafen und mein Körper forderte den Schlaf nun vehement ein. Zunächst sah ich überall Gesichter und Menschen, dann begann ich immer mehr die Orientierung zu verlieren. Ich wunderte mich z.B. über Streckenabschnitte, die ich meinte, schon gefahren zu sein. Bis hin zur 3. Stufe, in der sich Traumwelten und Realität vermischten.

Einmal fühlen wie Mathieu van der Poel. 
Ein Tagtraum sah z.B. folgenderweise aus: Ich meinte Mathieu von der Poel zu sein und sah vor meinem inneren Auge, wie er dynamisch um eine Kurve bog. Ich tat es ihm gleich, um von meinem Fahrradcomputer mit dem Signal, dass ich falsch fahren würde, wieder in die Realität zurückgeholt zu werden. Ich blickte mich um und sah, dass ich in einer Hofeinfahrt stand und die Karte auf meinem Fahrradcomputer eine lupenreine Gerade darstellte. Ich hatte mich von meinem Traum leiten lassen und besaß nicht mehr die 100-prozentige Kontrolle über mein Handeln. An diesem Punkt beschloss ich, dass genug war.

Polnische Gastfreundschaft.
Da ich meine beiden Rettungsdecken bei zwei Powernaps schon verbraucht hatte, beschloss ich, an einem fremden Haus zu klingeln. Ich klingelte am ersten Haus, in dem ich noch wache Menschen wahrnahm, woraufhin dort alle Lichter ausgingen. In meiner Verzweiflung klingelte ich ein weiteres Mal, woraufhin die Besitzer die Alarmanlage einschalteten. Ich stand also völlig übermüdet gegen Mitternacht im Hof eines fremden Hauses und wurde von einer roten Sirene angestrahlt und laut angebrüllt. Die Nachbarn wurden wach und schauten, was vor sich ging. Sie riefen mich auf Polnisch und ich fuhr hin, um mein Problem zu erklären. Die Frau verstand mich und mithilfe des Google Übersetzers erklärte sie mir, dass ich ihr folgen sollte. Sie fuhr mir 3 km mit ihrem Auto voraus und brachte mich zu ihren unglaublichen Eltern, die mir eine ganze Wohnung bereitstellten und sich noch dafür entschuldigten, dass das warme Wasser leider gerade abgestellt war. Ich legte mich in kompletter Radkleidung ins Bett, schlug die Decke über mich und schloss für 2,5h meine Augen. Das Aufstehen war hart, jedoch hatte die Gastgeberin mir bereits ein Frühstück vorbereitet und es galt nur noch den Kaffee zu machen. Um 3.30 Uhr schloss ich die Wohnung und ließ wie verabredet den Schlüssel stecken – unglaublich, was mir gerade widerfahren war!

Finale!
Ich hatte mich in der Nacht schon mit dem Gedanken angefreundet, dass die Folge eines Stopps den Verlust des ersten Platzes bedeuten würde, weshalb ich einfach versuchte, die Fahrt zum Checkpoint 4 und letztlich bis ins Ziel zu genießen. Es war klar, dass der Platz 1 weg war und der Fahrer auf Platz 3 mich niemals einholen würde.
Um die Mittagszeit fuhr ich unter dem Jubel der Organisatoren stolz ins Ziel, freute mich vom Rad steigen zu dürfen und nahm den Sieger in den Arm um ihm zu gratulieren. 3 Tage und 7 Stunden benötigte ich für die 1450 Kilometer und 20 598 Höhenmeter durch spannende Landschaften und Länder, die ich zuvor noch nie bereist hatte. Ich hatte durch meine Fehleinschätzung zwar einen Platz im Rennen verloren, aber auf zwischenmenschlicher Ebene etwas Unbezahlbares gewonnen. Es war ein anstrengendes, aber wunderbares Abenteuer – und ganz sicher nicht mein letztes.

Bis zum nächsten Mal!
Gruß Ben

Photocredits: @adriancrapciu & @racethroughpoland

Hegelstraße 7
72663 Großbettlingen
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