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SIZILIEN - DAS ETWAS ANDERE TRAININGSLAGER

Um Weihnachten und Neujahr zieht es viele Radler nach Mallorca, Calpe oder Girona um Sonne zu tanken und sich bestmöglich auf die kommende Saison vorzubereiten. Es wird ein schönes Hotel gebucht und alles dreht sich nur um das Fahrradfahren. Bei „Sonne tanken“ und „Kilometer sammeln“ gehe ich voll mit, jedoch ziehe ich dem Hotel mein beschauliches Zelt an täglich wechselnden Standorten vor und liebe es, verschiedene Eindrücke und Gegenden zu >erfahren<.

Mein Trainingslager führte mich zu Jahresbeginn ganz in den Süden Italiens, nach Sizilien. Mit meinem Arc8Eero und Campingausrüstung im Gepäck flog ich nach Catania und radelte in den folgenden 7 Tagen eine schöne Runde über die Insel. Ich lernte ein anderes Gesicht Italiens kennen, erklomm den höchsten Vulkan Europas und durfte viele sonnige Stunden durch Orangen-, Oliven- und Zitronenhainen auf zwei Rädern genießen.

Der Vulkan Ätna

Zum Start meiner Tour ging es direkt vom Meer weg hinauf in Richtung Krater des Ätna. Die ersten 16 Kilometer galt es noch, sich durch Catania und seine Vororte zu schlängeln und wilden Hunden davon zu sprinten, bevor der vom Giro d`Italia bekannte Anstieg begann. Das schwarze Band der Straße schlängelt sich in großen Serpentinen durch Lavagestein den Hang hinauf. Man ist von einer mystischen Stimmung umgeben: Alles in Schwarz, nur der Vulkankrater glitzert auf über 3300m weiß vom Schnee und unterhalb liegt in der Ferne das Meer. Abschnitte der Straße führen durch riesige Berge von Lavagestein und links und rechts kann man noch Überreste von Häusern sehen, die einem Ausbruch zum Opfer gefallen sind. Auf 1900m endet die geteerte Straße, dann beginnt der Offroadabschnitt. Touristen werden in 4x4 Lastwagen über die weiche und bis zu 20 Prozent steile Schotterpiste in die Nähe des Kraters befördert. Den plattgefahrenen Weg nutzte ich und spielte die Vorteile meines Arc8 voll aus. Eigentlich mit den schnellen Gravelreifen „Schwalbe RS“ unterwegs, die auf festem Untergrund unglaubliche Rolleigenschaften besitzen, ließ ich ein wenig Luftdruck ab und konnte auch auf diesem herausfordernden Untergrund meine Fahrt fortsetzen. Zur Stimmung passend - aber der Aussicht schadend - verfingen sich Wolken um den Krater und es wurde ab einer Höhe von 2700m feucht, kalt und eisig. An dieser Stelle gab ich mein Vorhaben auf und gesellte mich zu den zwei anderen und einzigen Radlern in der Bergstation ein Stück talabwärts, die das Abenteuer von ihrem Hotel auf 1900m aus in Angriff genommen hatten. Sie erklärten mich für „crazy“, da ich immer noch in kurz/kurz unterwegs war, während sie mich eingepackt und frierend grüßten. Es beschreibt jedoch gut, welche körperliche Herausforderung der letzte Abschnitt darstellt, sofern man ihn durchgehend fahrend und mit Gepäck bewältigt – man nimmt die eisige Kälte erst beim Anhalten wirklich wahr.

Herrliche Ausblicke

Nach einer Nacht auf einer Anhöhe mit Meerblick bei Taormina und Frühstück am Meer, verließ ich die Küste und machte mich ins Inland auf. Viele prachtvolle Viadukte erinnern an alte Straßen oder Bahntrassen, die heute keine Verwendung mehr haben, sich aber prächtig in die Landschaft zwischen farbenfrohen Orangen- und Zitronenbäumen einfügen. Auf Sizilien bewegt man sich schnell auf 1000hm und so ergeben sich herrliche Ausblicke. Einmalig ist, wie der majestätische Vulkan Ätna nahezu überall auf der Insel sichtbar ist. Ebenso herausragend der Höhenzug zwischen Troina und Cerami! Ich fuhr ihn im Sonnenuntergang und eigentlich hätte es nicht schöner sein können…

Harte Erfahrungen

… wenn nicht der 1. Januar gewesen wäre, an dem alles geschlossen ist. Keine Tankstelle, kein Cafe, kein Restaurant war geöffnet - nichts. Ich saß mittlerweile seit 5h auf dem Fahrrad, hatte ein Croissant und einen Riegel im Magen und benötigte dringend noch etwas zum Abendessen. Cerami brachte mich wieder zum Strahlen, da zu meinem Glück ein Tabaccho-Laden geöffnet hatte, in dem ich mich für 25 Euro mit Süßigkeiten eindeckte - das Einzige, was es zum Essen gab und dank meiner Verzweiflung absolut ausreichend, um mich glücklich zu machen.

Die andere harte Erfahrung war, dass meine Isomatte die Luft nicht mehr hielt und ich so in den kalten und sehr langen Nächten spätestens alle 30min dazu angehalten war, Luft in die Isomatte zu pusten. Das war nicht wegen des Komforts, sondern vor allem wegen der Isolierung gegen den kalten Boden nötig. Man gewöhnt sich daran, aber die Nächte hätten gemütlicher sein können.

Ein weiteres Gesicht Italiens

Südtirol, Toskana, Lombardei, Dolomiten, Gardasee – herrlichste Urlaubsgegenden, die an Charme kaum zu überbieten sind. Und Sizilien? Schöne Dörfer oder Städte gibt es wenige und nur in den touristischen Gebieten der Insel. Während meinen 29 Stunden auf dem Rad dominierte hauptsächlich ein ärmliches, trostloses und vermülltes Bild der Städte. Passend dazu begrüßte mich Catania nach 200m auf meinem Gravelrad mit einer Glasscherbe im Reifen. Wärme und Wohlgefühl kommen nur schwer auf, wenn von Balkonen gelbe Säcke herunterhängen. Dieses Italien war spannend zu erleben und ich bin froh um den Eindruck - aber auf Sizilien bleibe ich auch in Zukunft lieber in meinem Zelt, das ich in wunderbarer Umgebung und mit herrlichem Ausblick aufschlagen kann. 

Tagesablauf meines Trainingslagers

Mein Zelt stand für gewöhnlich in einem Olivenhain, am Hang mit Ausblick oder auf einer Wiese mit Meerblick. Mit Anbruch des Tages wurde bei Dämmerung zusammengepackt und letztlich saß ich gegen sieben Uhr mit geputzten Zähnen auf meinem Arc8 und machte mich auf die Suche nach einem schönen Cafe im nächstgelegenen Ort. Es war jedes Mal ein Genuss, die Stimmung am Morgen, wenn die Italiener ihren täglichen Espresso im Dorfcafe zu sich nahmen, zu erleben. Nach zwei Cappuccini und Croissants ließ sich meist auch schon die Sonne blicken und ich war bereit, mein Training zu starten. Mit den im Cafe aufgefüllten Wasserflaschen absolvierte ich nun meine Einheiten von vier bis sechs Stunden. Im Anschluss suchte ich um die Mittagszeit wieder eine nette Bar, um was zu essen, zu plaudern und auch, um noch in Ruhe ein wenig die Sonne zu genießen. Auch dort ließ ich mir nochmals die Wasserflaschen füllen, welches nun aber mein Duschwasser darstellte und besorgte mir in einem Laden etwas zu essen und zu trinken für den Abend. Das anschließende Platzsuchen war mit Ausnahme der Umgebung von Palermo nicht schwierig. (Dort schlug ich mein Zelt heimlich in einem Garten, ein wenig versteckt hinter Büschen auf, da die Vororte einfach nicht enden wollten.) Vor Ort wurde schnell das Zelt aufgebaut und eingerichtet, bevor ich die zwei Liter Wasser zum Duschen über mich schüttete und es mir in meinem wohligen Schlafsack gemütlich machte.

Flotter Abschluss

Da mich der Ätna so fasziniert hatte, musste ich einfach am letzten Tag, bevor es in den Flieger ging, nochmals den Vulkan erklimmen. Bei Tagesanbruch bereitete mir Sizilien einen herrlichen Abschied. Mit Sonne in den Speichen fuhr ich durch das vermeintlich noch schlafende Catania. Während die Italiener sich noch ein wenig Schlaf gönnten, waren aber die wilden Hunde bereits auf Zack. Wenn man meint, schon zügig unterwegs zu sein, dann verleihen einem die Vierbeiner nochmals ungeahnte Kräfte: Wild bellend kommen sie aus dem Gebüsch auf einen zu gerannt und lassen die Geschwindigkeitsanzeige bei 10 Prozent Steigung kurzerhand auf 30km/h nach oben schnellen. Als ich mich nach einer Kurve umblickte, stellte ich mit Erleichterung und einer ordentlichen Portion Milchsäure in den Beinen fest, dass sie mich aufgegeben hatten. Flott, aber gemäßigt, kurbelte ich die herrlichen Serpentinen Richtung Krater und tankte noch ein letztes Mal Wärme.  Glücklich, nach durchgehend Sonne und 20 Grad, stieg ich bei Regen in den Flieger. 

Neben Wetter und Landschaft hat mein Arc8 Gravelrad wieder zuverlässig seine Vielfältigkeit unter Beweis gestellt. Ich freue mich auf ein weiteres Jahr mit meinem treuen Begleiter, der aber ein kleines technisches Update vom Feinsten erfahren wird… Dazu mehr im nächsten Blog.

Ciao! 

Ben

 

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