


Die Abendstimmung breitet sich über Riva del Garda aus und ich tauche für einen Moment in Urlaubsstimmung ein. Surfer ziehen kleine, silberne Streifen in die honigfarbene Wasseroberfläche und die Felswände werden von der sinkenden Sonne in ein warmes Orange getaucht. Der Einstieg in die historische Ponalestraße hinauf zum Ledrosee hätte schöner nicht sein können, jedoch das, was mir bevorstand, auch nicht härter. Der Anstieg hinauf zum Tremalzo bedeutet 1.900 hm, 25 km und Passagen von 20 %. Quasi einmal das Stilfserjoch hinauf, nur auf Kies und das mit bereits 15.000 hm in den Beinen.
Dieser kurze Moment entlang des Gardasees beschreibt den Charakter des gesamten Rennens: viel harte Arbeit für kurze, jedoch wunderschöne Momente.
Erster Vorgeschmack
Bei feuchtem Wetter startete das Rennen samstagmorgens am Tegernsee und man bekam sofort einen kleinen Vorgeschmack auf das, was einen die gesamte Route über begleiten würde: sehr steile Anstiege! Anstiege, auf denen es nicht möglich war, die Kraft wie gewünscht einzuteilen. Aufgrund der Steigungsprozente und Straßenbeschaffenheit wurde man immer gezwungen, über die Komfortzone hinauszugehen. Als die Sonne schließlich die Wolken verdrängt hatte, wurde es dämpfig und heiß! Der Schweiß tropfte, die Sonne brannte und die Beine gaben ihr Möglichstes. Mit dem Erreichen der Hundsalm wurde man ein erstes Mal belohnt: herrliches Alpenpanorama, Viehweidenidylle und ein Traum von Graveln über die Anhöhe und Serpentinen hinab nach Wörgl.
Mittagstief
Dem Anschein nach war mittags das erste Mal der Punkt erreicht, an dem das gesamte Fahrerfeld durchschnaufen musste. Als einige Fahrer nach den ersten 3.100 hm in der Mittagshitze schon die Segel strichen, war mein Befinden auch nicht auf dem Höhepunkt. Aber auf Grund meiner Erfahrung konnte ich mit meinem Mittagstief umgehen. Die nächsten 2 Stunden galt es, den Kopf auszuschalten und einfach zu treten. Die Freude und Energie im Körper würden wieder zurückkommen. Eine Pause aufgrund von Müdigkeit darf zu so einem frühen Zeitpunkt nicht nötig sein. Das war reine Kopfsache.
Über die Sonntagsalm (1.623 m) war es noch ein kleiner Kampf mit meinem inneren Schweinehund, aber der Anstieg bis knapp unter die Karspitze (2.264 m) wurde von wohltuendem Nieselregen begleitet und bereitete dem mentalen Kampf ein Ende.
Schock am Abend
Nach rasanter Abfahrt ins Zillertal stand ich in Mayrhofen vor einem echten Problem: Meine Lupine-Lampe ging nicht an! Am Morgen noch problemfrei getestet, streikte sie jetzt im Ernstfall! Ich zückte meine Petzl-Notfallstirnlampe, befestigte sie mit Kabelbindern auf dem Helm, kaufte den gesamten Vorrat an Batterien in einer Tankstelle auf und stellte mich auf eine harte Nachtfahrt ein.
Im Rennmodus
Der Anstieg zum Pfitscherjoch (2.246 m) stand bevor und ich startete euphorisch. Der Zwischenfall mit meinem Licht löste in mir eine Trotzhaltung aus: jetzt erst recht! Ich fand schnell meinen Rhythmus und kurbelte die folgenden 25 km im Nu hinauf. 5 km vor der Kuppe warteten die beiden Organisatoren Marco und Tobi auf mich, doch ich verschwendete keine Sekunde damit, kurz zu stoppen. Im Vorbeifahren rief ich ihnen durch die Dunkelheit zu, dass sich mein Licht verabschiedet hatte, und visierte den Gipfel und gleichzeitig den Grenzübergang nach Italien an.
Ein paar Minuten später holte mich der Moment ein und ich realisierte, dass die beiden gerade mitten in der Nacht im Nirgendwo nur auf mich gewartet hatten und in den nächsten Stunden kein weiterer Teilnehmer oder Teilnehmerin kommen würde. Vor lauter „Ich zieh das jetzt durch, egal wie“-Stimmung hatte ich in diesem Moment keinen Gedanken für irgendwas anderes gehabt. Ich war im Rennmodus, im vollen Fokus an ihnen vorbeigestürmt – und jetzt tat mir das richtig leid!
Skipisten sind die neuen Radwege
Nach der Abfahrt vom Checkpoint 1 hinunter nach Sterzing kam der Härtetest! Die Route ging nicht über den geteerten Jaufenpass, sondern durchquerte das Skigebiet Ratschings-Jaufen - 12 km im zweistelligen Prozentbereich mit dem Höhepunkt Wasserfalleralm. Ab hier ging es geradewegs die Skipiste hinauf. 26 % waren keine Ausnahme und der Weg endete an der Alm. Das Rad wurde in den frühen Morgenstunden also den Berg hinaufgewuchtet – und wer sich fragt, warum man für 612 km 45 h benötigt, bekommt spätestens hier seine Antwort.
Seltener Genuss
Nach einem kurzen Abstecher zur Flecknerhütte und einem herrlichen Blick hinab bis auf das Lichtermeer Merans, führte die Route über den Jaufenpass hinunter ins malerische Südtirol. Bei leichtem Gefälle und meist geteerten Straßen war es eine angenehme Abwechslung, einfach mal Kilometer zu sammeln und die Beine zu lockern. In diesem Streckenabschnitt kamen mir die asphaltierten Straßen entgegen, da ich mit meiner Stirnlampe nur eine Sehweite von ca. 8 m hatte. Die Straßenmarkierungen und Reflektoren erlaubten mir aber, den Straßenverlauf zu sehen und somit schneller fahren zu können.
Kurzes Durchschnaufen
Inzwischen war mein Vorsprung so groß, dass ich mir ohne Not gönnen konnte, mich für 1,5 h in meine Rettungsdecke zu wickeln. In einer Apfelplantage fand ich hohes Gras und konnte somit genüsslich für einen Moment meinen Körper ruhen lassen und den Kopf ausschalten.
Perfekter Morgen
Um 5:30 Uhr klingelte der Wecker und ich sprang wieder auf mein Rad. Durch das verschlafene Meran und dann auf halber Höhe zum Einstieg in den Gampenpass zu fahren, war Idylle pur. Wie das malerische Meran, umrahmt von Plantagen, in leichtem Morgendunst unter mir lag und die Sonne über die Berggipfel ihren Weg ins Tal fand, war das reinste Postkartenmotiv.
Der Gampenpass schloss sich diesem Genussabschnitt wunderbar an. Die Serpentinen bereiteten mir keinerlei Mühe – für meine Verhältnisse war ich ja auch komplett ausgeschlafen. Und weil es gerade so gut zu meiner Stimmung passte, hörte ich auf den Wunsch meiner Mutter: „Nimm dir doch die Zeit und trink mal schön einen Kaffee!“ Putzmunter und mit einem Apfelstrudel im Bauch machte ich mich über den Gampenpass auf zum Skiort Madonna di Campiglio und dem Checkpoint 2.
Wiedergutmachung
Nach dem Passieren des wunderschönen Bergsees Lago di Valagola galt es, das Rad einen gefühlt senkrechten Wanderweg hinaufzuschieben. Der Mittagshitze trotzend, trieb ich die Wanderer mit meinem lauten Freilauf vor mir her – und wen entdeckte ich breit grinsend auf der Anhöhe? Die zwei Organisatoren! Tobi hatte die größte Freude daran, mich beim Schieben und Leiden vor seine Kamera zu bekommen und ich hatte nun endlich die Chance, beiden zu sagen, wie leid es mir tat, dass ich einfach an ihnen vorbeigestürmt war - ohne böse Absicht, einfach völlig im Renntunnel versunken. Bei einem Kaffee lachten wir am Checkpoint 2 über die Situation der vorigen Nacht und ich machte mich auf in Richtung Ziel. 144 km und 5.000 hm warteten noch auf mich.
Tremalzo – einmalig!
Vermutlich war es von Vorteil, dass ich nicht wusste, was mir bevorstand. Wie eingangs beschrieben, war der Abschnitt um Riva del Garda der pure Augenschmaus. Landschaftlich stand der folgende Anstieg nach Tremalzo über den Lago di Ledro diesem in keinster Weise nach, jedoch war er brutal lang, steil und geschottert. Ich schraubte mich Meter um Meter in die Höhe, durchfuhr herrlich in den Felsen geschlagene Tunnel, perfekte Gravel-Serpentinen und hatte dabei stets einen großartigen Blick hinunter zum Gardasee. Das war einer der schönsten Gravelabschnitte, die ich je gefahren bin! Einfach perfekt! Die inzwischen angebrochene Nacht entsprach dem Gefühl meiner Beine. Es blitzte ein paar Kilometer weiter und es war deutlich zu sehen, dass dort ein heftiges Sommergewitter seinen Unfug trieb. Doch ich blieb glücklicherweise bis auf ein paar Tropfen davon verschont.
Im Blindflug zum Ziel
Mit dem Erreichen der Passhöhe erwartete ich, das Schlimmste hinter mir zu haben, jedoch sollten mich meine Lichtverhältnisse vor eine große Anstrengung stellen. Die Abfahrt war komplett auf grobem Schotter. Es gab keine Reflektoren oder Straßenmarkierungen auf diesem Waldweg und so konnte ich mit einem gewissen Risiko maximal 20 km/h fahren. Meinen Lenker verschlug es des Öfteren heftig und mein Körper wurde zusammengestaucht, wie beim Skifahren in nebligen Verhältnissen – und das bei Geschwindigkeiten zwischen 10 und 15 km/h. Mich zu konzentrieren und auf dem Weg zu halten, verlangte unfassbar viel Energie und forderte letztlich seinen Tribut. Mit Hilfe von drei Powernaps am Wegesrand schaffte ich es wieder hinunter an den Gardasee und erreichte als Erster nach 45 h 52 min glücklich und erleichtert das Café Giardino. Wunderschöne, jedoch mit Sicherheit meine härtesten 616 Kilometer mit über 18.000 Höhenmetern lagen hinter mir.
Sitzprobleme gehören der Vergangenheit an
„Wie ging es deinem Hintern?“, wurde ich im Ziel gefragt. In diesem Moment realisierte ich, dass ich nicht einmal darüber nachgedacht, geschweige denn irgendwelche Probleme gehabt hatte. Wow! Dank Hardys, die mir einen Fizik-One-to-One-Sattel passend zu meinem Hintern erstellt hatten, hatte sich mein – und vermutlich das häufigste Problem aller Radsportler – in Luft aufgelöst. Absolute Empfehlung!
Mein 36er Ritzel vorne, sowie meine 50 mm breiten Reifen waren die absolut richtige Wahl, um die steilen Anstiege und die MTB-Abfahrten gut meistern zu können. Das Avona-Callis-Gravelbike hat bei diesem Rennen erneut seine Vielfältigkeit unter Beweis gestellt und war in Kombination mit den DT Swiss GRC 1100 Dicut der perfekte und zuverlässige Begleiter, den ich mir wünsche!
Jetzt ist Erholung angesagt! Das Avona-Callis wird gleich wieder eingepackt und dann geht’s ab nach Georgien. (Dieses Mal mit dem Zelt😊). Nach den Alpen wartet der spannende Kaukasus auf mich.
Gruß Ben











